Akzeptiert meine Ignoranz

Ich leide darunter, dass wir an unserer Arbeitsstätte überall Radios stehen und leider auch eingeschaltet haben. Somit bin ich recht ungeschützt, den verbalen Ergüssen von Moderatoren, unfassbar schlechter und sich ständig wiederholender Musik und zumeist noch schlechterer "Berichterstattung"/Gehirnwäsche ausgeliefert. Zwar bin ich bemüht, dies alles möglichst auszublenden, jedoch gelingt mir dies gerade dann nur bedingt, wenn es sich stets gebetsmühlenartig wiederholt, oder sich gar meine Kollegen lautstark in die Thematik einmischen und deren eigene Meinung dazu abgeben. Dann erfasst mich die Informationsflut unwillkürlich und ich kann mich dieser dann nicht mehr verschließen - ich bin dann leider darüber informiert.

So auch heute...

Denn heute überfiel mich die Informationsflut, dass ein gewisser Helmut Schmidt, der vor Urzeiten einmal Bundeskanzler gewesen ist, immer noch als verstorben gilt. Er ist bislang also nicht wieder erwacht und darum ist nun ganz Deutschland traurig. Zumindest hat mir dies die Frau Bundeskanzlerin heute mehrfach gesagt und dabei hat sie sich auch sehr betroffen angehört - vielleicht war er ein enger Freund von ihr oder ihr politisches Vorbild, wer weiß das schon. Ich frage da nicht nach, ist mir auch egal. Die Moderatoren im Radio scheinen dem Mann auch sehr nahegestanden zu haben, so wie ganz Deutschland, denn schließlich ist dieses ganze Deutschland traurig, wie mir immer wieder gesagt wurde.
Ich selbst habe von der Traurigkeit noch nichts festgestellt, weder bei mir, noch in meinem näheren oder weiteren Umfeld. Weder meine Freunde, Arbeitskollegen, oder die Menschen im Supermarkt, wirken auf mich irgendwie verändert. Sie verhalten sich eigentlich so wie immer. Aber vielleicht trauern diese Menschen einfach anders als ich und ich bemerke deren tiefsitzende Betroffenheit und Trauer einfach nicht, welche sich ja wohl in deren Herzen befinden muss. Zumindest höre ich das seit Tagen.

Damit mich nun niemand falsch versteht - ich freue mich nicht darüber, dass Herr Schmidt im Alter von 97 gestorben ist. Er hätte auch 80 oder 120 sein können. Es ist mir lediglich völlig egal, dass er tot ist. Und ich erwarte doch bitte nur, dass man mir meine Gleichgültigkeit dem gegenüber lässt und mich nicht permanent versucht dazu zu zwingen, mich damit auseinander zu setzen und mich dazu treibt, diesen Artikel hier zu schreiben.
Ich kannte diesen Herrn nicht und ich weiß auch nicht was er getan hat, außer Bundeskanzler zu sein. Auch habe ich nicht erfahren, dass sein Ableben besonders tragisch oder spektakulär gewesen ist, dass ich irgendwie betroffen sein müsste. Die Toten von Paris machen mich betroffen und wenn mal wieder ein Kind erdrosselt wird, weil die Eltern überfordert waren. Vermutlich ist das so, weil dies eben nicht so wirklich in den Lauf des Lebens passen will. Und man dabei feststellt wie schnell doch alles gehen kann und wie schnell man selbst oder ein Mensch, der einem nahe steht, aus dem Leben gerissen werden kann.
Bei diesem Ex-Kanzler war das anders, der Mann war eben einfach alt und es ist doch normal, dass der dann auch mal stirbt, warum ist dann aber ganz Deutschland darüber traurig? Ich verstehe das nicht, kann mir da mal jemand helfen?

Meine nicht vorhandene Trauer entspringt auch nicht der Tatsache, dass ich ihn nicht persönlich kannte.
Wenn ein guter Musiker stirbt, dann bin ich traurig. Denn dieser Mensch hat mir mit seiner Musik etwas geschenkt und mich damit glücklich gemacht. Dies schafft eine tiefe Verbundenheit. Dennoch verlange ich nicht von meinen Mitmenschen, dass sie sich betroffen fühlen. Wieso sollten sie auch? Es sei denn sie mochten diesen Künstler auch.

Weshalb also sollte ich vom Tod Helmut Schmidts betroffen sein? Ich habe keine Ahnung, was ich ihm zu verdanken habe. Ich war noch nicht geboren, als er Kanzler war und daher habe ich in den letzten Tagen ein paar ältere Semester gefragt, warum denn so ein großes Drama um seinen Tod gemacht wird und was er als Kanzler denn so alles gemacht hat, dass nun Deutschland weint. Ich bekam bloß ein Schulterzucken und "Ja, er war Kanzler" als Antwort. So weit war ich auch schon. Im Radio höre ich immer wieder von "Verdienst" und "musste viel aushalten". Aber keiner kann mir sagen, was der Mann gemacht hat, außer eben Kanzler zu sein. Was hat denn Deutschland ihm zu verdanken, dass es so traurig ist und was hätte er noch alles leisten können, dass man ihm so nachweint?

Klar, ich könnte jetzt durchaus Google bemühen, aber wozu? Ich war zu Adenauers Zeiten auch nicht auf der Welt und weiß, dass er der erste Kanzler der BRD war und verbinde mit ihm die "Heimkehr der Zehntausend", die Freilassung deutscher Gefangener aus den sowjetischen Gefängnissen. Mit Willy Brandt verbinde ich den Kniefall in Warschau und war damals auch noch nicht zugegen. Helmut Kohl - da war ich dann auch mal auf der Welt - ist der "Kanzler der Einheit". Gerhard Schröder ist der Kanzler mit Hartz IV und der ganzen "Agenda 2010" Geschichte, außerdem der Kanzler, der die Vertrauensfrage gestellt hat und somit Neuwahlen eingeleitet hat. Angela Merkel ist die erste Kanzlerin der BRD.

Was an diesen Dingen und Leistungen nun gut oder schlecht ist soll hier mal völlig außer acht gelassen werden. Aber es verbindet die Leute mit irgendetwas Gewichtigem. Was hier für mich bleibt ist die Tatsache, dass Helmut Schmidt der Mann war, der rauchend in irgendwelchen Talkshows gesessen hat und damit auf ein Gesetz - dem Rauchverbot - gepfiffen hat. Ganz nach dem Motto - ein Gesetz, welches ich nicht selbst gemacht habe, betrifft mich nicht. Ein arroganter, alter Mann, der im Leben nichts geleistet hat, außer Kanzler zu sein, um den nun am besten aber gleich die ganze Welt trauern soll. Schließlich hat er so viel gemacht, auch wenn mir das keiner näher definieren möchte.

Helmut Schmidt ist tot und mir ist es egal. Und ich verlange bloß, dass meine Ignoranz akzeptiert wird.

Helmut Schmidt