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Alien-Recherche

Ich habe ein liebstes Hobby, das es noch auf keinen Lebenslauf geschafft hat, da es mir zu seltsam scheint, es tatsächlich als Hobby zu bezeichnen. Aber ich mache es nun mal wahnsinnig gerne: Ich recherchiere. Im Netz. Wikipedia ist natürlich mein bester Freund, aber ich hole mir gerne zweite Meinungen von Bekannten ein.
Besonders viel Spaß macht es mir jedoch, Dinge zu recherchieren, die ich schon zu wissen glaubte, und mich dabei überraschen zu lassen. Ein besonderes Schmankerl ist hier das, was ich insgeheim "Alien-Recherche" nenne: Man sucht in einem Lexikon einen Begriff, der so alltäglich und basal ist, dass ihn eigentlich niemals jemand tatsächlich nachschlagen müsste. Die Erklärung klingt dann geradezu so, als wolle man einem Alien die Menschheit erklären.
Eine besonders schöne Beschreibung findet sich zum Beispiel auf der Wikipedia für "Lesen": "Lesen im engeren Sinn bedeutet, schriftlich niedergelegte, sprachlich formulierte Gedanken aufzunehmen und zu verstehen."
Hammer, oder?

Es ist eigentlich schon ein ziemlich irrer Vorgang, das Lesen. Da erkennt man Zeichen als Buchstaben, erinnert sich daran, welchen Laut sie wiedergeben, setzt die Buchstaben zu einem Wort zusammen bzw. erkennt das Wortbild als Ganzes, irgendein Schalter im Gehirn schnappt um, das gesprochene Wort blitzt ganz kurz in der linken hinteren Ecke einer Gehirnhälfte auf, welches dann sofort die Information weitergibt, dass es sich bei der Buchstabenkombination A-P-F-E-L um das Wort "Apfel" handelt und dieses wiederum die rot-grüne süße Frucht bezeichnet, die man auf Bäumen und im Obstkorb findet. So erstaunlich dieser Weg ist, das besonders Erstaunliche ist das wahnwitzige Tempo, in dem er begangen wird, geübte Leser schaffen etwa 250 bis 1000 Wörter pro Minute. Dabei ist aber zu bedenken, dass das reine Verstehen einzelner Wörter einen noch lange keinen Satz verstehen lässt. Tatsächlich muss man auf einer weiteren Ebene die Syntax des Satzes kapieren und durch die so in Relation zueinander gestellten Wörter erkennen, was mit dem Satz tatsächlich GEMEINT ist. Und weil es so gerade so spaßig ist, gibt es sogar noch eine weitere Ebene, nämlich die der Redewendungen. Lese ich zum Beispiel "Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm", so kann ich die Buchstaben, einzelnen Wörter und die Syntax des Satzes definitiv verstanden haben und noch immer keinen blassen Schimmer davon haben, dass dieser Satz sich nicht um eine Frucht dreht, die beim Fall von einem Zweig keinen besonders weiten Weg zurücklegt.

Mein Freund Wiki nennt das Lesen einen "heuristischen kognitiven Vorgang" und er hat Recht: Es ist ein kognitiv-analytischer Vorgang, den wir hier tagtäglich unzählige Male und völlig automatisch durchlaufen.
Ein so basales Thema ist wie eine verwinkelte Schlucht, die von oben nur mittelmäßig tief aussieht, in Wahrheit aber unfassbar tief ist – denn über Lesenlernen, Leseverständnis, Textverständnis und Textverständlichkeit gibt es dermaßen viel Literatur und viele Menschen, die sich dazu Gedanken gemacht haben, dass meine Diplomarbeit über Textverständlichkeit damals statt der benötigten 80-100 Seiten ein stolzes Ausmaß von 176 Seiten angenommen hat.

Es zeigt sich: Es sind oft die kleinen und unscheinbaren Dinge des Lebens, die eine unfassbar riesige Quelle an interessantem Wissen sind und die es einfach wert sind, mal kurz darin einzutauchen.

Lesen und Verstehen