Alles halb so schlimm?

Die Argumentation des Autors folgt dem Muster "Vor der Erfindung der Atombombe haben die Menschen sich eben mit Maschinengewehren und Granaten umgebracht. Was ist also so schlimm an der Atombombe?" Ich selbst – Baujahr 1958 – kann mich noch gut an Zeiten ohne Mobiltelefonie erinnern, an gelbe Telefonzellen und Apparate mit Wählscheiben. An die vermeintlich gute alte Zeit, bevor man überall die lauten Privatgespräche von Fremden mithören musste, bevor Liebesbeziehungen per SMS beendet wurden und alle ständig ihren Facebookstatus checken oder die neueste WhatsApp-Nachricht lesen mussten. Zugegeben, ich besitze kein Smartphone. Ein Handy habe ich, es ist zwölf Jahre alt und funktioniert immer noch tadellos. Ich benutze es gelegentlich zum Telefonieren, wenn ich längere Zeit nicht zuhause bin.

Der Autor schreibt: "Ich traue den meisten meiner Gesprächspartner zu, im richtigen Moment zu fokussieren, will heißen, die Aufmerksamkeit ins hier und jetzt zu befördern." Wann ist denn der richtige Moment? Fast alle Methoden zur Bewusstseinsentwicklung und spirituellen Lehren betonen die Vorzüge von Gegenwärtigkeit. Man sollte nicht gelegentlich im Hier und Jetzt sein, sondern idealerweise ständig. Das Hier und Jetzt hat aber wenig oder nichts mit dem Geschehen im Internet zu tun. Der Touchscreen Zeitschrift eines Smartphones ist nicht der Spiegel der Welt, der Wirklichkeit.

Kontakte werden immer oberflächlicher, seit alle ständig online sind – das ist zumindest meine Wahrnehmung. Und mit der Flut der ausgetauschten Nachrichten steigt auch die Anzahl der Missverständnisse. Nicht nur, weil immer schlampiger und hektischer geschrieben wird, sondern weil wir Menschen Gestik, Mimik, Tonfall und andere Signale viel stärker berücksichtigen, als das geschriebene Wort. Immer mehr Leute klagen über Zeitnot, über die permanente Hektik und den ewigen Stress. Gleichzeitig setzen sie sich freiwillig einer massiven Reizüberflutung aus, machen sich also selber Stress. Meditation, Kontemplation oder einfach nur etwas in Ruhe und mit voller Konzentration tun – das ist vielen Menschen so fremd wie die Zeit, als es in Deutschland nur drei Fernsehkanäle gab.

Vermutlich wird es demnächst eine App geben, die Smartphonenutzer vor Laternenpfählen, Bürgersteigkanten und ähnlichen Alltagshindernissen warnt. Und ihnen Bescheid gibt, wenn die Ampel grün geworden ist, an der sie mit gesenktem Haupt und übers Display wischendem Zeigefinger warten. Chronische Verschleißerscheinungen der Halswirbelsäule werden wahrscheinlich in Zukunft als Handyhals bezeichnet. Eine Krankheit, von der ich hoffentlich verschont bleibe.

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