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Alles ist gut – und so einfach...

Vielleicht ist es mein persönlicher Eindruck, aber irgendwie stellt sich dieser 25. Jahrestag des Mauerfalls in den deutschen Medien auf einmal deutlich vereinfacht dar. Irgendwie musste nur Günther Schabowski auf jener denkwürdigen Pressekonferenz verkünden, dass die Mauer auf sei, und schon tanzten die Menschen auf der Mauer. All die Ereignisse, die zu dieser Entwicklung geführt haben, die Montagsdemonstrationen, die Leiden der Regimegegner in der DDR, die langsame Erosion des sozialistischen Staats auf deutschem Boden, all das fand in den Medien bis auf einen Themenabend in der ARD mit „Bornholmer Straße“ und „Klasse von 61“ nicht statt. Und auch heute wurde im Morgenmagazin des Jahrestags mit Bildern von Mauerspechten und feiernden Menschen gedacht. Dass das alles doch nicht so einfach war, kommt im Geschichtsbild, dass unsere Medien heute zeichnen, gar nicht mehr vor.

Alleine von jener denkwürdigen Pressekonferenz bis hin zu einer endgültigen Öffnung der Mauer dauerte es mehrere Tage – und das war schon eine rasende Entwicklung. Dass dies alles irgendwann, langfristig, zur deutschen Einheit führen würde, war den Menschen, war mir auf jeden Fall damals schon klar. Allerdings hätte wohl kaum jemand damals gedacht, dass es so schnell gehen würde. Zu sehr war die Existenz der DDR für meine Generation damals eine Tatsache. Dass dieser Staat in weniger als einem Jahr aufhören würde zu existieren, war selbst in diesen Tagen, als man euphorisch die Dinge begleitete, die geschahen, kaum vorstellbar.

Für mich als damals gerade einmal Zwanzigjährigen sollten drei Dinge im Gedächtnis bleiben, und diese reichen weit über die slapstickartigen Bilder, die in den Medien zu sehen sind, hinaus. Erstens, die DDR war ein Unrechtsstaat, der Andersdenkende wegsperrte, der seine Bürger bespitzelte, der Menschen einsperrte, deren einziges Vergehen es war, diesen Staat verlassen zu wollen. Die DDR war ein ökonomisches Experiment, das wohl für alle Zeiten belegen sollte, dass kommunistische Systeme auf Dauer nicht lebensfähig sind. Der Staat war pleite und hätte ohne Millionenkredite aus dem Westen und den regelmäßigen Verkauf der eigenen Bürger an den Westen gegen satte Devisen nicht solange überlebt. Wer heute mit einem „Es war nicht alles schlecht“ nostalgische Gefühle für die DDR zu erwecken versucht, vergisst, dass das Ganze in jedem Falle nicht lebensfähig war.

Weiterhin sollte man nicht vergessen, auf welche unvergleichliche Weise dieser Unrechtsstaat zum Wanken gebracht wurde. Er wurde durch gewaltlose Demonstrationen friedlicher Bürger herausgefordert, die sich von allen Repressionen nicht davon abhalten ließen, die Allgewalt dieses Staates herauszufordern. Er wurde unaufhaltsam dadurch ausgehöhlt, dass seine Bürger massiv und in wachsendem Maße die Flucht ergriffen und jedes Mittel nutzten, ihn zu verlassen. Die DDR sah sich einem wachsenden Misstrauensvotum seitens seiner Bürger ausgesetzt, und diese Bürger griffen nicht zu den Waffen. Sie nutzten das Wort und ihre Füße.

Man sollte schließlich im Gedächtnis behalten, dass das Ende der DDR in den historischen Kontext eingeordnet werden muss. Mit der Perestroika in der Sowjetunion fehlte der DDR-Führung jener große Bruder im Osten, der wie im Jahr 1961 und im Jahr 1968 in der Tschechoslowakei die sozialistische Ordnung notfalls auch mit Waffengewalt wieder herstellen würde. Dies war auch der Grund, warum die DDR-Führung gegen den Widerstand einiger Funktionäre nicht zu den Waffen griff, um die Montagsdemonstrationen zu unterbinden. Ich weiß von Studienkollegen, die damals als Soldaten der NVA mit geladenem Gewehr in Lastwagen in den Seitenstraßen von Leipzig bereitstanden und auf den Befehl zum Losschlagen warteten. Wieviele von ihnen diesen Befehl dann auch befolgt hätten, steht infrage, aber dass ein Blutbad im Raum stand, sollte nicht in Zweifel gezogen werden. Es ist ein großes Verdienst aller Beteiligten, dass dies ausgeblieben ist und dass das Ende der DDR auf friedlichem Wege erreicht wurde.

Helmut Kohl versprach damals blühende Landschaften, und auch der Weg dorthin war ein langer und schwieriger Prozess. Niemand außer vielleicht einigen interessierten Parteien konnte wirklich davon ausgehen, dass dies schnell gehen würde. Heute haben wir ein vereintes Deutschland, und die Unterschiede zwischen den deutschen Regionen bestehen, aber sie bestehen vor allem aus demografischen Gründen und in den Köpfen jener interessierten Parteien. Wer heute Begriffe wie „Dunkeldeutschland“ in der politischen Debatte instrumentalisiert, tut dies im Eigeninteresse und setzt damit grob fahrlässig die Verdienste der deutschen Einigung aufs Spiel. Denn die deutsche Einigung war deutlich mehr als das, was in den Medien gezeigt wird. Sie war auf keinen Fall das Ergebnis eines Versprechers bei einer Pressekonferenz der DDR-Führung. Sie war ein langes und zähes Ringen. Sie war harte Arbeit, und sie ist harte Arbeit, die immer noch andauert. Aber das lässt sich natürlich nicht so einfach und medienwirksam aufarbeiten.

Deutsche Einheit