Aufstieg und Fall der Angela M.

Wer heute so um die 30 ist, konnte seit der Volljährigkeit sein Kreuzchen bei Bundestagswahlen machen, wo immer sie oder er gern wollte – raus kam dabei stets Angie. Seit 1990 sitzt sie im Bundestag und hat sich mit Ausdauer, Machtinstinkt und dickem Fell soweit hochgedient, dass man sie die mächtigste Frau der Welt nennt. Noch.

Die Stationen von der Ostlerin mit der seltsamen Frisur (Pottschnitt) über Kohls Mädchen zur Kanzlerkandidatin sind zu reichlich, um hier aufgezählt zu werden. Erst bei der Recherche für diesen Beitrag erfuhr ich zum Beispiel, dass Angies zweiter Vorname Dorothea ist und sie 1982 aus erster Ehe geschieden wurde. Ja, zugegeben, ich mag sie nicht besonders. Zu echter Abneigung reicht es allerdings auch nicht, dazu hat sie zu wenig Hassenswertes, zu wenig Kontur. Auch ihre Politik ist schwammig und uneindeutig, sie dreht ihr Fähnchen gern nach dem Winde und versucht vor allem an der Macht zu bleiben. Bisher mit Erfolg.

Noch vor einem halben Jahr schien es mir wahrscheinlich, dass sie Helmut Kohls Rekord (der dicke Oggersheimer war 16 Jahre lang Bundeskanzler und deutlich hassenswerter als Mutti) locker brechen würde. Die Umfragewerte beständig gut, das Volk überwiegend zufrieden, sie selbst bei guter Gesundheit, keine Konkurrenz in Sicht (auch weil sie stets dafür gesorgt hat) – das sah nach einer märchenhaften Karriere aus, die gut noch ein bis zwei Jahrzehnte hätte andauern können. Hätte.

Politik der ruhigen Hand nannte man es beschönigend, wenn wichtige und vor allem unangenehme Entscheidungen so lange aufgeschoben wurden, bis die Wählerschaft sich damit abgefunden hatte oder bereits über andere Zumutungen wütete. Angela Merkel hatte in Birne einen guten Lehrmeister (den sie Ende 1999 im Zuge der Parteispendenaffäre dann auch absägte), Kohl verfügte über noch mehr Sitzfleisch und Behäbigkeit als sie selbst. Mit einer Politik der ruhigen Hand fährt man gut, solange die Ereignisse sich nicht überschlagen.

Am 18. Juli twitterte ich „Wenn genügend Heime brannten und Flüchtlingsboote sanken, werden die Verzweifelten dieser Welt nicht länger bitten, sondern uns überrennen.“ Einen Monat später war es soweit, begann das, was erst Septembermärchen, dann Flüchtlingskrise und jetzt Flüchtlingschaos genannt wird. Im August erklärte Mutti live im Fernsehen einer jugendlichen Palästinenserin, deren Familie die Abschiebung drohte, dass in Deutschland nicht jeder aufgenommen werden kann. "Das ist manchmal auch hart", sagte Merkel zu der weinenden jungen Frau. Offenbar auch hart für unsere Kanzlerin, den wenige Tage später öffnete sie die Grenzen für jene endlosen Kolonnen von Flüchtlingen, die seither von der Türkei über Griechenland und den Balkan nach Österreich und dann weiter nach Deutschland strömen. Eine richtige Entscheidung, vor allem menschlich gesehen, aber leider unüberlegt. Zu impulsiv – Schluss mit Politik der ruhigen Hand.

Allein im letzten Monat kamen mindestens eine Viertelmillion Flüchtlinge nach Deutschland, der Zustrom ist ungebrochen. Ohne die überwältigende Hilfsbereitschaft vieler Menschen wären Städte und Kommunen, aber auch die Bundesländer, längst gescheitert. Doch trotz der vielen Freiwilligen ist abzusehen, dass die Grenzen der Belastbarkeit bald erreicht sind. Es gibt kaum noch Notunterkünfte, Zelte und Feldbetten mehr, alles dauert zu lange, ist viel zu bürokratisch. Gleichzeitig nimmt die Gewalt gegen Flüchtlinge zu, brennt nahezu täglich irgendwo ein Heim, hetzen AfD und Pedida unverhohlen gegen die Politik der Kanzlerin und haben ihr schon symbolisch den Galgen aufgebaut.

Politisch das Genick brechen wird ihr wohl nicht der Dreck, mit dem aus dem braunen Sumpf nach Angela M. geworfen wird. Sogar der widerliche Seehofer wird sie nicht vom Thron stoßen können, obwohl er sich nach Kräften bemüht. Aber die Stimmung im Lande kippt, das Septembermärchen ist vorbei, bald beginnt der November. Vermutlich wird schon morgen auf dem Flüchtlingsgipfel in Brüssel beschlossen, dass Flüchtlinge auf dem Weg über sichere Drittstaaten nicht mehr ungehindert die Grenzen nach Österreich und Deutschland passieren dürfen. Für diesen Fall haben verschiedene Balkanstaaten bereits angekündigt, die Menschen zurückzuschicken. Worin zurück? Nach Griechenland, in die Türkei, nach Syrien, in den Irak, nach Afghanistan? Wie soll das gehen?

In der vergangenen Woche sind 43.000 Flüchtlinge neu in Griechenland angekommen, in der Türkei leben derzeit etwa 2 Millionen. Die mächtigste Frau der Welt steckt in einer unlösbaren Zwickmühle, und der Druck auf sie wächst stündlich. Bricht sie ihr Wort, demzufolge es für Asylsuchende keine Obergrenze gibt, verliert sie das Gesicht, auch international. Bricht sie es nicht oder zu spät, wird ihre eigene Wählerschaft und alles, was rechts davon schwärt, hetzt und pöbelt, Mutti spätestens bei den nächsten Bundestagswahlen aus dem Kanzleramt jagen. Nur eine Prophezeiung, aber mit meinem Tweet vom 18. Juli behielt ich auch recht.

Flüchtlingsdebatte