Aus der Zeit gefallen

Zur Absinth Bar an der Sternschanze habe ich eine ganz persönliche Verbindung. Es war die erste Bar, die ich in Hamburg je betreten habe, lange bevor ich hier gewohnt habe, und sie hat mich nachhaltig geflasht. Seitdem habe ich noch jeden Besuch dorthin geschleift, und so gut wie alle waren begeistert von dem außergewöhnlichen Ambiente - und ihren teils ersten Erlebnissen mit dem geheimnisumwitterten Künstler- und Verdammtengetränk.
Seitdem ich hier lebe, ist die Absinth Bar meine Schanzen-Oase, ein fast schon mystisch ruhiger Ort - wenn man zur richtigen Zeit dort aufschlägt, und das ist bei mir fast immer der Fall. Mit Freunden dort einen bis maximal drei Absinth zu genießen - danach hört der Spaß wirklich auf! - ist immer wunderbar, man kann aber auch durchaus mal alleine und im Stehen (es gibt aus Feuerschutzgründen keine Barhocker) an der Theke versacken, wie ich dieses Jahr in einem eindrucksvollen Selbstversuch unter Beweis gestellt habe, und zwar ohne mir hinterher ein Ohr abzuschneiden!
Keinen Ort in der Hansestadt hätte ich mir besser vorstellen können für meine erste Lesung, die im Juni dann auch tatsächlich dort stattfinden konnte. Auch im Nachhinein betrachtet die perfekte Wahl für einen Abend im Zeichen der Unheimlichen Literatur – Fortsetzung folgt!
Kaum aus der S-Bahnhaltestelle Sternschanze getaumelt, fällt es einem sofort ins Auge, dieses skurrile, kleine Etablissement mit den zwei großen Fenstern, die fast komplett von zwei absurd riesigen Ficus-Bäumen verdeckt werden. Darüber das zwielichtig grün leuchtende Schild, das da irgendwie sirenenartig lockt mit der Verheißung von „Absinth“.
Wenn man die Bar betritt, ist es, als würde man in ein Zeitloch fallen. Es gibt kein elektrisches, nur Kerzenlicht, abgesehen von der Thekenbeleuchtung, die insgesamt über 400 Absinthsorten eindrucksvoll in Szene setzt. Eine Auswahl, die übrigens europaweit ihresgleichen sucht.
Es gibt nur wenige, nicht im geringsten dekorierte Tische, ein antikes (stilecht verstimmtes) Klavier, und die übrige Einrichtung ist eine Mischung aus Jugendstil- und modernen Elementen, bewusst schlicht gehalten, sodass nichts das Auge vom Genuss des hochgeistigen Getränks ablenkt. So gibt es zum Beispiel nur ein einziges Bild an der Wand, eine von der Wirtin selbst gemalte Absinth-Medusa (?) hinter der Theke.
Und eben dort finden wir auch Yvonne und Jan, die den Laden seit Jahren zusammen betreiben. Zwei sehr besondere, sympathisch-exzentrische Persönlichkeiten ganz in Schwarz, die nicht nur eine zum Etablissement passende Ruhe ausstrahlen, sondern auch über unglaubliche, auch historische Absinthkenntnisse verfügen. Vor einiger Zeit habe ich mir abgewöhnt, lange in der Karte herumzusuchen, und lasse mir von Yvonne oder Jan den perfekt mit Geschmack und Stimmung harmonierenden Absinth von den Augen ablesen. (Ich mystifiziere gern. In Wahrheit stellen sie ein paar gezielte Fragen und sprechen dann ihre qualifizierte Empfehlung aus. Wobei ich manchmal doch denke, dass irgendwie mehr dahinter steckt...) Noch nie war ich von ihren Prophezeiungen enttäuscht, und obwohl ich gerne verschiedene Sorten teste, habe ich inzwischen mit dem sehr köstlichen und hochprozentigen „Chateau“ meinen absoluten Lieblingsabsinth gefunden. Und das von den Wirten immer mit Stil und voller Konzentration zelebrierte Absinthritual hat für mich nach wie vor einen etwas magischen Touch und ist allein schon einen Besuch wert, nicht nur dann, wenn man es noch nie erlebt hat.
Ob Meister van Gogh hier wohl eingekehrt wäre? - Sicher nicht nur einmal.

Absinth Bar in Hamburg

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