Beate Zschäpe kann nicht singen

Oder sie darf nicht, aber das kommt im Endeffekt aufs Gleiche raus. Nicht gemeint ist singen im Sinne von mithilfe der Stimmbänder möglichst wohlklingende Geräusche erzeugen. Gut vorstellbar, dass Beate mit ihren beiden Uwes nach vollbrachter Tat entspannt beim Bier zusammen saß und sang. Lieder irgendeiner faschistischen Dumpfbackenband oder wenigstens Hits von Heino, dem biodeutschen immerblonden fleischgewordenen Fremdschämfaktor. Der Mann trägt sogar zuhause die extradunkle Sonnenbrille, wahrscheinlich aus Angst, er könnte sich versehentlich vorm Spiegel selbst in die Augen schauen. Aber ich schweife ab, und das schon im ersten Absatz. Sorry.

Singen wie Mittäter und Mitwisser verraten, den Mund aufmachen, die Wahrheit sagen – das ist gemeint. Über zwei Jahre zieht sich der NSU-Prozess schon hin, aber die einzige Überlebende des Thüringer Terrortrios schweigt hartnäckig. Wie eine Monica Bellucci für Arme betritt sie an jedem Verhandlungstag den Gerichtssaal, schüttelt ihr Haar, dreht Publikum und Medienvertretern den Rücken zu, und plaudert mit ihren drei Anwälten. Plauderte muss es heißen, denn das Verhältnis ist offenbar nachhaltig zerrüttet. Loswerden will die braune Beate jene drei Pflichtverteidiger, die sie vor Beginn des Prozesses selbst auswählte. Sogar angezeigt hat sie die smarten und erfahrenen Strafverteidiger, die das Gericht früher mit lästigen Anträgen überschütteten und ihrer Mandantin Süßigkeiten mitbrachten. Und die Beate rieten, sie solle die Aussage verweigern. Nur im Interesse der Beklagten, oder auch zum Schutz deutscher Geheimdienste und anderer Mitwisser?

Kürzlich hat Zschäpe durchgesetzt, dass sie einen vierten Anwalt bekommt. Jung und ziemlich unerfahren ist der neue Hoffnungsträger der Angeklagten, und sein Name lässt an blühende Wiesen denken. Mathias Grasel. Die anderen drei heißen Heer, Stahl, Sturm – zweimal Wolfgang, bei Männervornamen hat Beate es offenbar gern übersichtlich – das klingt nach Krieg und Vernichtung. Nomen est omen. Fraglich ist jedoch, wer am Ende siegt. Und worum hier gekämpft wird. Geht es um die Wahrheit oder um Schadensbegrenzung? Welche Gefahr droht, wenn Beate Zschäpe aussagt, und vor allem wem? Haben die Herrschaften Heer, Stahl und Sturm sie unter Druck gesetzt, damit sie die Klappe hält? Oder manipuliert Zschäpe ihre Anwälte und versucht sie loszuwerden, damit das Verfahren neu aufgerollt werden muss?

Am 6. Juli 2015 sendete 3sat eine Dokumentation mit dem Titel "Kampf um die Wahrheit – der NSU und zu viele Fragen", die auf meiner nach oben offenen Unfassbarkeitsskala einen Spitzenwert erreichte. Es geht darin unter anderem um Florian H., einen Aussteiger aus der Neonaziszene. Er hatte Kontakt zu Beate Zschäpe und erzählte seiner Familie vom NSU, lange bevor dessen Existenz öffentlich wurde. Außerdem sagte er Freunden, er wisse, wer die Polizistin Michele Kiesewetter getötet habe. Sie war die einzige Deutsche unter jenen zehn Menschen, die der NSU (wirklich nur drei Mitglieder?) tötete, und gehörte selbst zum rechten Sumpf. In der Nacht bevor Florian H. bei der Polizei aussagen wollte, verbrannte er lebendig in seinem Auto (seltsames Timing). Am nächsten Morgen erklärten Beamte den Eltern, Florian habe unter Depressionen gelitten, sich selbst mit Benzin überschüttet und angezündet. Fünf Stunden nach dem Tod des jungen Mannes wussten die Polizisten schon, wo er den Benzinkanister gekauft und wo er ihn mit Sprit befüllt hatte. Toll, wie schnell manchmal ermittelt werden kann!

Mindestens ebenso haarsträubend sind die Informationen und Filmaufnahmen rund um das Wohnmobil, in dem sich die Neonazis Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt angeblich selbst das Leben nahmen. Nach dem Feuer im Wohnmobil (es brennt erstaunlich oft im Umfeld des NSU) wurden dort offenbar eine Vielzahl von Waffen platziert und die Spurensicherung verlief alles andere als glaubwürdig. Statt Männern in weißen Overalls und mit weißen Überschuhen ist auf Videos zu sehen, wie immer wieder Uniformierte oder auch Männer in Zivil das Fahrzeug betreten. Dies sogar, nachdem es mit Planen abgedeckt wurde und der für den Abtransport bereitstehende Lkw schon fast zwei Stunden wartet. Filmaufnahmen von Journalisten zeigen, wie Klebebänder und Planen teils wieder gelöst werden, damit ein offenbar hochrangiger Vertreter von Polizei oder einer anderen Behörde ins Wohnmobil gelangen kann.

Leider ist die Doku nicht in der Mediathek abrufbar (ein Zufall?), nur ein sechsminütiger Trailer. Aber zum Glück kann man sich die absolut sehenswerte Sendung auf YouTube anschauen. Sie ist ein Muss für jeden kritischen Geist und aufgeklärten Demokraten in diesem Land. Hier der Link zum Video https://www.youtube.com/watch?v=LVrNTWkJW2U

Im Münchner NSU-Prozess ist derzeit Sommerpause, aber es bleibt garantiert spannend. Mich würde nicht wundern, wenn der Skandal über vernichtete Verfassungsschutzakten, gefälschte Beweise und rätselhafte Ermittlungsmethoden sich irgendwann als Watergate der Bundesrepublik entpuppt. Schließlich ist der Zusammenbruch des Dritten Reiches erst 70 Jahre her, und nach Kriegsende fanden viele Beamte des Naziregimes neue Jobs in den Behörden unserer jungen Republik. Auch in der Justiz und im Verfassungsschutz.

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