Billy Childish is punk rock enough for me

Wild Billy Childish & CTMF
Acorn Man

Gut, dieses Album erschien schon zur Jahreswende. Zur Wende welchen Jahres verrate ich nicht. Spielt das überhaupt eine Rolle? Alle geschätzt 100.000 Platten, die Billy Childish bisher aufgenommen hat, sind mindestens die reine Schau. Und angeblich klingen alle gleich, nach störrisch in alte Autoreifen geritztem Geschepper.

Aber was heißt das schon? Erstens sind - dem Volksmund nach - durch ein launiges „Das...“ eingeleitete und in einem misstönenden „klingt für mich alles gleich!“ gipfelnde Aussagen sichere Zeichen fortschreitender Senilität. Zweitens steckt im billionenfach in schillernden Variationen runtergewemmsten Riff von „Louie Louie“, dessen kulturgeschichtliche Bedeutung etwa mit der Erfindung des Faustkeils vergleichbar ist, noch immer manch zu lüftendes Mysteriosum. Warum es jedwede Verkalkung in Knochen, Hirn oder Teekesseln wegschlackert, beschäftigt nach wie vor die wissenschaftliche Elite in Laboren weltweit. Manche sollen darüber schon wahnsinnig geworden sein.

Nicht so Billy Childish, Michelangelo der Garage, Petrarca des Punk und noch so alles mögliche. Im Gegenteil. Auf „Acorn Man“ erwischt man den Exzentriker aus Chatham und seine neueste Truppe in einem wie zufällig hingewürfelten genialen Moment des bei ihm ewig währenden Jahres 1961. Billy Childish, das sei ausdrücklich nicht nur von ihm selbst betont, spielt moderne Musik. Und dass ihn nicht die Bohne interessiert, was die anderen machen oder denken, wie etwas auszusehen oder zu klingen hat, lässt er gleich bei „So Hard To Be Happy“ raushängen.

Einfach ist so ein Weg, auf dem sich alle 20 Zentimeter eine willkommene Gelegenheit zum Anecken bietet, natürlich nicht. Aber außerordentlich befriedigend, wenn man einen guten Kompass hat. Seinen besingt Billy im zentralen Bekenntnis „Punk Rock Enough For Me“, einem Manifest, einer Hommage an alles Gute, Wahre, Ursprüngliche. In Childishs Cool-Katalog stehen neben u.a. den Beatles zu Star-Club-Zeiten, "The Who before rock," The Downliners Sect, Leadbelly, Buddy Holly auch Dostojewski und Gogol. Nicht zu vergessen „posing in a photo booth is punk rock enough for me“. Oder eine Tasse Tee. Das ist echte Souveränität, ausbuchstabiert.

Wenn er nicht gerade dabei ist, die 52 Strophen von Walt Whitmans „Song Of Myself“ auf blechernde gut 3 Minuten zusammenzustauchen und das berühmte „barbaric yawp“ über den Dächern der Welt kreisen zu lassen, setzt Billy mit seiner Krawallcombo Jimi Hendrix auf die Drogen von 1958 zurück („Curious Filters“) oder gibt an Nurse Julie ab, die gut aussehenden Dümmlingen hämisch hinterherstänkert, während er sich als Baum verkleidet. Von dessen immenser Statur sollten sich vor allem nicht diejenigen abschrecken lassen, die womöglich (immer noch) die White Stripes oder Black Keys für den Inbegriff des Garage-Rock halten.

Wild Billy Childish & CTMF: Acorn Man

http://damagedgoods.co.uk/bands/ctmf

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