Bitte wer will nach Schleswig-Holstein?

"Schleswig-Holstein, der echte Norden." Dieser Spruch charakterisiert offiziell unser nördlichstes Bundesland und zeugt von Selbstvertrauen, einem starken Selbstverständnis und einer klaren Positionierung innerhalb der Welt. Dazu passend präsentiert sich die Präambel der Schleswig-Holsteinischen Verfassung mit historischen, gesellschaftlichen und politischen Verpflichtungen auch über Generationsgrenzen hinweg.

Nun scheint es einer kleinen Gruppe von Schleswig-Holsteinern ein Anliegen zu sein, diese Präambel durch einen Gottesbezug anzureichern. Die Gründe dafür werden auf acht Plakaten vorgestellt, sind aber weder im Einzelnen, noch in der Gänze für mich annähernd überzeugend. Hier wird mit Allgemeinplätzen, persönlichen Vorlieben und nicht aussagekräftigen Statistiken jongliert, wie es seit jeher von religiösen Vertretern praktiziert wird.

Beim Lesen der Texte möchte ich den Zitatgebern entgegnen: Patrick, da wir nicht wissen, dass es einen Gott gibt, hat er in einer Verfassung auch nichts zu suchen. Liebe Hannelore, aus religiösen Motiven helfen, heißt aus Angst vor Bestrafung in der Hölle helfen. Für ehrenamtliches Engagement reicht Menschenliebe - unabhängig von einer sanktionierenden Macht - aus. Und Johannes, Gott beantwortet keine Fragen beweisbar, sondern stellt nur Thesen auf und erwartet blindes Vertrauen. Leon und Chantal folgen hoffentlich nicht biblischen Maßstäben und heißen Sklaverei, Massen- und Kindesmord gut. Schade Walter, dass du Menschenwürde nicht als gesellschaftliches Gut selber erkennst, sondern eine höhere Instanz benötigt, die dir das vorgibt. Respekt vor anderen, lieber Volker, ist kein Verdienst der Religionen, da gerade geschichtlich gesehen in allen großen Religionen der Missionierungsauftrag dazu da ist, andersdenkende gleichzuschalten, anstatt zu akzeptieren. Betül, bei deiner Betrachtung vergisst du die knapp 40% Nicht-gläubigen in Schleswig-Holstein und schließt sie damit - hoffentlich unbewusst - aus. Bei 1,6 Mio. Mitgliedern religiöser Gemeinschaften auf 2,8 Mio. Einwohner insgesamt ein "für alle" auf die Plakate zu drucken, empfinde ich ziemlich anmaßend (und dann sind es auch nur 42.021 tatsächliche Unterzeichner).

Peter Harry Carstensen bringt es in seinem Videobeitrag auf den Punkt. Der Glaube an Gott hat ihm persönlich geholfen und Rückhalt gegeben - und so soll es auch seine ganz private Angelegenheit bleiben. Und nur weil er Mitglieder seines inneren Teams (siehe F. Schulz von Thun, Miteinander reden Teil 3, "Das innere Team") Gott nennt, macht es sie nicht allgemeingültig und schon gar nicht übernatürlich.

Der Bezug auf das kulturelle und humanistische Erbe in der vorgeschlagenen Präambel ist nachvollziehbar, aber ich sehe hingegen die religiösen Grundsätze als direkte Folge der ersteren und damit keineswegs gleichwertig. Denn nehmen wir die menschenfreundlichen und das Zusammenleben ermöglichenden humanistischen, säkularen moralischen Grundsätze und reichern sie mit machterhaltenden, einflussvergrößernden und geldgewinnenden Regeln an, erhalten wir die in den meisten religiösen Schriften verankerten Prinzipen und Dogmen.

Umgekehrt sind z.B. aus den 10 Geboten nur drei strafrechtlich relevant. Du sollst nicht töten, nicht stehlen und nicht falsch Zeugnis reden (üble Nachrede) werden im Gesetzbuch überhaupt behandelt. Und somit auch nur ein kleiner Teil der sogenannten Todsünden. Wir sind in Deutschland weit entfernt von einem Rechtssystem mit religiösem Fundament und auf dem beschwerlichen Weg hin zu einer aufgeklärten Demokratie. Weder die Bibel, noch ein anderes Märchenbuch werden für die Rechtsprechung herangezogen. Da kann ich nur sagen: Gott sei Dank.

Verfassung, Religion

http://www.landtag.ltsh.de/aktuell/ada_berichte/16_06_15_innen_gott.html