Blade Runner

Viele Hollywood-Blogbuster sind großartige, manchmal überwältigende Effektshows, kranken aber häufig an geradezu hanebüchenen Drehbüchern. Aber es gibt auch jene Ausnahmen, die sich von der Masse teuren, auf Hochlganz polierten Schunds positiv abheben. Zu diesen Perlen, wo Story und aufwendige Inszenierung eine stimmige Einheit ergeben, zähle ich meinen absoluten Lieblingsfilm „Blade Runner“.

Ridley Scotts 1982 erschienener, auf Philip K. Dicks Roman „Träumen Roboter von elektrischen Schafen? “ basierender Film offenbart dem Zuschauer eine dunkle, kaltfuturistische Welt. Los Angeles im Jahre 2018, ein düsterer, überbevölkerter Moloch voller überdimensionierter Wolkenkratzer unter einen immergrauen, wolkenverhangenen Himmel, bildet dafür das dystopische Hintergrundpanorama. Eine hochtechnisierte, teils aber auch verlassene und verwahrloste Megacity.

In Scotts Zukunftsvision erledigen künstliche Menschen, sogenannte „Nexus 6“, auf den außerplanetarischen Kolonien der Menschen die Drecksarbeit. Obgleich schneller, stärker und mindestens ebenso intelligent wie ihre Schöpfer, sind sie doch nur rechtlose Arbeiter, Soldaten, Prostituierte usw. Die Rückkehr zur Erde wurde ihnen bei Strafe verboten. Spezielle Einheiten, die „Blade Runner“ jagen und zerstören Androiden, die zur Erde zurückkehren.

„Menschlicher als der Mensch...“

Als perfekte menschliche Kopien entwickeln die Androiden eigene Emotionen und Empfindungen. Um diesen Prozess zu stoppen, erhalten sie lediglich vier Jahre „Lebenszeit“, was das psychische Gleichgewicht einiger Androiden allerdings sehr belastet. Eine Gruppe von fünf Nexus 6-Androiden kehrt zur Erde zurück, um eine Verlängerung ihrer Lebenszeit zu erreichen. Ihr Ziel ist die allmächtige Tyrell-Corporation, die sie erschaffen hat. Jegliche Hindernisse räumen sie mit brutaler Gewalt aus dem Weg.

Rick Deckert, der von Harrison Ford verkörperte Protagonist des Films ist ein erfolgreicher, aber desillusionierter Blade Runner, der seinen Job einst angewidert an den Nagel gehängt hat. Von seinem ehemaligen Vorgesetzten erpresst, begibt er sich in den trostlosen Straßenschluchten von Los Angeles auf die Jagd nach den Androiden, dabei wird ihm bei ihm von der Tyrell-Corporation ein Versuchs-Modell des Nexus-6 präsentiert, dem falsche Erinnerungen eingepflanzt wurden, so dass es sich für einen Menschen hält und von seiner wirklichen Existenz nicht weiß. Was auch Deckert nachdenklich stimmt...

„Alles hier ist künstlich...“

Was „Blade Runner“ so faszinierend macht, ist der fließend gewordene Übergang von menschlichem und künstlichem Leben. Der Film präsentiert eine Welt, in der es fast kein natürliches Leben mehr zu geben scheint. Die Ökosphäre ist ruiniert, die Menschen verlassen die Erde und ziehen in die Kolonien, während zugleich künstliche Tiere und Menschen von der Tyrell-Corporation am Fließband konstruiert werden. Die Androiden mit ihren Ängsten, Hoffnungen und Aggressionen erscheinen meist menschlicher als ihre kalt berechnenden Schöpfer und Wächter. Am Ende stellt sich dem Zuschauer die Frage, ob diese Zivilisation nicht schon völlig entmenschlicht ist.

Als ich „Blade Runner“ zum ersten Mal sah, war ich sechzehn oder siebzehn Jahre alt. Ich erwartete einen simplen Action-Film und war richtiggehend enttäuscht, fand den Streifen anstrengend und schwierig. Gleichzeitig aber war ich von der ungeheuren ästhetischen Wucht des Films, dem kalten, elektronischen Soundtrack und symbolüberfrachteten Bildern und detaillierten Szenenbildern total überwältigt. Nach einiger Zeit schaute ich ich ihn mir noch einmal an, dann noch mal und noch mal und...

Mancher Zuschauer ist genervt vom übermächtigen, ständig präsenten Pathos, den hier Bilder und Soundtrack vermitteln, andere stören sich an der ironiefreien Ernsthaftigkeit der Story und den allzu bedeutungsschwangeren Dialogen. Derartige Kritik ist nachvollziehbar und es gibt wahrlich genügend Beispiele für miese Streifen, wo triefender Pathos fehlende Story und peinliche Dialoge zu überkleistern suchen. „Blade Runner“ ist jedoch ein Ausnahme-Film, wo die Effekte nicht nur für sich selber sprechen, sondern den Plot ergänzen und dessen Inhalte ästhetisch untermauern. Scott ist dabei das Kunststück gelungen, Dicks literarische Vorlage sowohl auf ästhetischer als auch auf inhaltlicher Ebene deutlich zu übertreffen.

Die bis hin zu den Werbeanzeigen detailliert ausgearbeiteten Szenebilder schaffen eine zeitlose Zukunftswelt, die auch nach über 30 Jahren kaum etwas von ihrer Faszination eingebüßt haben. Blade Runner gelingt das seltene Kunststück, über den Zeithorizont der Filmentstehung hinaus seine futuristische Ästhetik zu bewahren. Genausowenig hat die Botschaft des Films etwas von seiner Dringlichkeit verloren. Rückt doch die immer rascher fortschreitende Entwicklung der künstlichen Intelligenz die Frage, welche Funktion und Rolle der Mensch in der von ihm geschaffenen Zivilisation noch hat, immer drängender in den Fokus.

LIEBLINGSFILME

Science Fiction