Blade Runner – Ein Plädoyer für den Director’s Cut

Achtung: Spoiler!

Ich hijacke Philipps Comment über diesen großartigen Film – denn dieser ist eines der besten Beispiele und Argumente für die Relevanz von Director’s Cuts. Das Konzept kennt jede/r: Jahre oder gar Jahrzehnte nach dem ersten „Run“ eines Filmes wird ein neuer Cut veröffentlicht, meist auf VHS/DVD/BR etc. Warum ist das so?

Das letzte Wort vor der Veröffentlichung eines Filmes – meist geht es um Schnitt, Lauflänge oder Szenenauswahl, aber hin und wieder auch um mehr – hat nicht immer die Regisseurin oder der Regisseur. Das komplexe Wechselspiel von künstlerischer Vision und Hollywoods Strukturen lässt das in den meisten Fällen nicht zu: „final cut privilege“, das Recht auf den letzten Schnitt, kriegen nur absolute Schwergewichte wie Scorsese, Spielberg und Co.

Im Hollywood-System ist und war der Normalfall, dass vor allem die producer, meist Angestellte des Studios, entscheidenden Einfluss haben auf den Entstehungsprozess eines Filmes – von der Auswahl von Script, Cast und Regisseur/in über die Finanzen und die Post-Production mit Musik und Schnitt bis hin zu Vertrieb und Marketing. Ihr Interesse ist, polarisierend ausgedrückt, rein finanziell: Nicht über das Budget gehen, Zielgruppe im Auge behalten, welche Jugendfreigabe, was sagt das Testpublikum etc. So ergeben sich nicht selten Konflikte zwischen der künstlerischen Position und der kommerziellen Position. Meist gewinnt das Studio.

Wenn ein Film dann gelaufen ist, erfolgreich oder nicht, und auch den Home Video-Markt schon hinter sich hat – im Klartext, Jahre später – haben manche enttäuschten Regisseure dann das Gefühl, ihr „Baby“ verteidigen und neu erklären zu müssen. So kommen die Director’s Cuts zustande, die meist ohne den Druck eines Release Dates zusammengestellt werden können.

Am Beispiel von Blade Runner zeigt sich, wie einschneidend solch eine Einflussnahme sein kann. Eine ursprüngliche Fassung wurde vom Testpublikum kritisiert; und so befahl das Studio drei Änderungen, die den Film einschneidend veränderten. Erstens: Ein Voice-Over von Protagonist Rick Deckard kommentiert viele Szenen und gibt Hintergrund-Info, da den Verantwortlichen Setting und Ausgangslage zu verwirrend erschienen. Leider multipliziert diese Stimme aus dem Off nur Informationen, die nach und nach auch der Plot anbietet – und tötet nebenbei viel von der beklemmenden, dystopischen Atmosphäre.

Zweitens wurde eine Szene gestrichen, in der Deckard von einem Einhorn träumt. Das erscheint zunächst trivial, ist aber fundamental: Denn gegen Ende des Films hinterlässt der Polizist Gaff, Begleiter von Deckards Replikanten-Jagd, eine kleine Einhorn-Figur vor dessen Wohnung. Ein zentraler Punkt des Plots ist, dass den künstlichen Menschen Erinnerungen implantiert wurden, um sie gefügig zu machen. Die gängige Interpretation folgert, dass Gaff Deckards Gedanken und Träume kennen muss – und Deckard also selbst ein Replikant ist.

Drittens wurde die absolute Konzession an Hollywood gemacht: ein Happy Ending. In der ursprünglichen und Director’s Cut-Version flieht Deckard mit der Rachael in eine überaus düstere Zukunft. Beide sind Replikanten mit einer vierjährigen „Haltbarkeitsdauer“. Ohne Kenntnis über ihr genaues Verfallsdatum können beide nur hoffen, wenigstens eine kurze Zeit in Glück und Liebe zu verbringen. Dieses Ende reflektiert in poetischer Weise den bemerkenswerten Monolog von Antagonist Roy Batty über Vergänglichkeit und Gegenwart, nachdem er scheinbar ohne Grund Deckards Leben rettet. Das Studio-Diktat dreht diese finale dystopische Verneinung von Hoffnung um 180 Grad: Deckard ist ein Mensch, Rachel wird völlig beliebig eine unbegrenzte Lebensdauer verliehen und beide können auf eine relativ unbeschwerte Zukunft hoffen.

Es bleibt zu sagen, dass auch die Kino-Version, die häufig noch im Fernsehen läuft, ein absolut sehenswerter Film ist – ein Zeugnis von Ridley Scotts Kunst, dass selbst diese Beschneidung seiner Vision den Film nicht ruinieren konnte.

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