Brauchen wir Bond?

Anfang Oktober sagte Daniel Craig gegenüber CNN, dass er sich lieber die Pulsadern aufschlitzen würde, als noch einmal James Bond zu spielen. Abgesehen davon, dass diese Aussage als Marketingkampagne für den nur wenige Woche später gestarteten 24. Bond Film „Spectre“ irgendwie seltsam anmutet, hat Craig 2007 auch bereits unterschrieben, bis zum 25. an Bord zu sein. Zudem ist Craig bei „Spectre“ auch erstmals als Produzent der Serie tätig und wird sich die Zukunft wohl angesichts des erfolgreichsten Kinostarts aller Zeiten in Großbritannien und anderswo noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Aber würde uns ohne Craigs Bond überhaupt etwas fehlen? Der Versuch einer Analyse.

Nun, zunächst einmal ist ein dermaßen antiquiertes Frauenbild wie es der Doppelnullagent an den Tag legt, heutzutage einzigartig im Kino und Craig will sich damit auch keineswegs identifiziert wissen. Er bezeichnete Bond als „sexist douchebag“ und erklärte, der Agent ihrer Majestät sei eigentlich ein Misogynist, der die Frauen verachte. Wenn wir jetzt in „Spectre“ mit ansehen müssen wie Craig mit geschürzten Lippen Monica Bellucci und Lea Seydoux flachlegt, sorgt das 2015 eher für Fremdscham.

Zudem ist Craigs Bond chronisch humorlos. Man muss schon sehr genau hinsehen, ob sich in Craigs Gesichtszügen in den 148 Minuten Laufzeit überhaupt etwas regt. Ben Wishaw hat als Q derweil alle Lacher auf seiner Seite und macht sich auch im Nahkampf nicht schlecht. Vielleicht wäre es Zeit für ein Spin-Off für den Geheimgeek ihrer Majestät.

Wenn Moriarty den britischen Geheimdienst übernimmt, um einen Überwachsungsstaat zu installieren, sollte man vielleicht besser in der Baker Street anrufen, statt einen Agenten auf ihn anzusetzen, den der Feind dank eingepflanzter Nanosonden rund um die Uhr überwachen kann. Andrew Scott verkörpert C, den Chef des MI5, der das Doppelnullprogramm am liebsten begraben würde, ganz tief unten im Keller wo diesmal wieder die Boote parken - was erfreulicherweise nicht die einzige Referenz an die Seriengeschichte in "Spectre" ist.

Christoph Waltz als Oberhauser ist Bond immer einen entscheidenen Schritt voraus. Seit Gert Fröbes „Goldfinger“ gab es keinen dermaßen perfiden Psychopathen, dessen Vita weit in die Geschichte der Serie zurückreicht und sich perfekt in den Kanon der bisherigen Craig-Trilogie fügt. Keine Frage: auch wenn Waltz im ersten Akt nur aus dem Schatten heraus operiert, ist er das Highlight in "Spectre".

Sam Mendes hat beim 24. Bond wieder die Regie übernommen – eine angenehme Abwechslung in der Serie, die zuletzt munter den Stuhl neu besetzte. Nach dem fulminanten „Skyfall“ und dem nicht weniger spektakulären „Spectre“ kann er da ruhig sitzen bleiben. Vielleicht macht er ja mit „Bond 25“ den Hattrick voll. So eine Trilogie macht sich im Marketing ja immer ganz hervorragend und das Team Mendes/Craig harmoniert perfekt. Überhaupt, in Sachen Coolness macht es Daniel Craig so schnell keiner nach. Egal ob er aus den Trümmern eines einstürzenden Hauses in Mexiko City tritt, am Fallschirm nach der High Speed Verfolgungsjagd in Nobelkarossen auf den Straßen von Rom landet oder einem Flugzeugwrack im österreichischen Skigebiet entsteigt: Die Frisur sitzt ebenso perfekt wie die Garderobe von Tom Ford. Dabei scheint es der schwerste Teil seines Jobs zu sein, stets die aalglatte Oberfläche zu bewahren, wie Craig im Interview stöhnte: „Als Schauspieler ist es mir scheißegal, wie ich aussehe. Bei Bond ist es das genaue Gegenteil. Es ist extrem wichtig, wie er einen Anzug trägt und einen Raum betritt. Das ist ein echter Kampf.“

Aber ist Bond in seiner aktuellen Form überhaupt noch zeitgemäß? Die Welt bangt um das Schicksal der Flüchtlinge, ist eher mit Abgasnormen beschäftigt als mit spritfressenden Sportwagen und der Kalte Krieg, aus dem Ian Fleming die Figur 1953 auferstehen ließ, ist lange vorbei. Aber gerade jetzt – das zeigt auch die Superhelden-Welle der letzten Jahre – braucht die Filmwelt einen Helden und zwar am besten einen mit Stil – und wenn nicht Daniel Craig, wer dann?

Spectre

http://edition.cnn.com/2015/10/08/entertainment/daniel-craig-james-bond-feat/

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