Das Böse liegt so nah. Gewalt und sexueller Missbrauch im eigenen Umfeld

Kürzlich erreichte mich eine bestürzende Nachricht: Ein Bekannter von mir, mit dem Ich Abitur gemacht hatte und den ich gelegentlich auf Parties getroffen habe, steht wegen des Vorwurfs des sexuellen Missbrauchs einer Vierzehnjährigen vor Gericht. Ohne mich jetzt über ihn und diesen Fall in seinen Einzelheiten auslassen zu wollen, hat mich diese Sache dazu bewogen, über Gewalt und sexuellen Missbrauch in meinem eigenen Umfeld nachzudenken.

Die Ereignisse in Köln sind furchtbar und müssen zu Konsequenzen gegen die Täter führen, aber sie sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass die meisten Täter (und Täterinnen) aus dem direkten Umfeld der Opfer von sexuellem Missbrauch und Gewalt stammen. Über alle kulturelle und religiöse Grenzen hinweg beginnt die Gewaltsozialisation meist im eigenen Familien- oder Freundeskreis. Meist geschieht dies im Verborgenen, weil die Opfer schweigen, sei es aus Angst, aus Scham oder um das Geschehene zu verdrängen. Und es geschieht, ohne, das wir es bemerken, direkt vor unseren Augen.

Im Laufe der Jahre habe ich immer wieder von Menschen, bei denen ich das nie für möglich gehalten hätte, erfahren, dass sie Opfer sexueller Gewalt wurden. Nicht im Familien-, aber im Bekanntenkreis. Aus erster Hand weiß ich es von sechs Personen, davon fünf weiblich. In fünf der sechs Fälle ereignete sich der Missbrauch in der Kindheit. Die Täter in diesen Fällen: Vater, Stiefvater, Onkel... Einige Opfer wurden mehrfach missbraucht bzw. Opfer von Gewalt durch verschiedene Täter, nicht nur aus dem Familienkreis. Von weiteren Opfern weiß ich aus zweiter Hand, auch in diesen Fällen kamen die Täter aus dem direkten Familienumfeld. Anzeige wurde m. W. nicht erstattet. Jedenfalls nicht in den Fällen, in denen die Täter aus der Familie kamen. Der Grund: Neben den erwähnten Gründen auch die Sorge, dass dadurch das Zusammenleben und der Zusammenhalt der Familien zerstört werden würde.

Erzähle ich Anderen davon, dann sind sie oft überrascht und bestürzt, wenn ich (natürlich ohne die Namen zu nennen) von Fällen aus dem eigenen Bekanntenkreis berichte. Aber es liegt ja auch der Hand. Die quantitativen Studien über die Verbreitung von Gewalt und sexuellem Missbrauch legen Nahe, dass fast jeder von uns, ohne es zu wissen, Betroffene kennt. Von psychischem Missbrauch fange ich hier am Besten gar nicht erst an.

Erwähnen möchte ich noch, dass mir zwei Fälle bekannt sind, in denen Männer Opfer von physischer Gewalt durch Frauen geworden sind. Auch das gibt es.

Obwohl ich also einige Opfer kenne, sind mir Täter – bis jetzt – persönlich nicht bekannt und um ehrlich zu sein, bin ich auch froh darüber. Denn ich wüsste nicht, wie ich mich in Gegenwart von ihnen verhalten sollte. Besonders im Falle der mir bekannten Opfer fiele es mir schwer, mich den gegenüber den Tätern so zu verhalten, als wüsste ich von nichts.

Dann wäre da noch der eingangs erwähnte Aspekt: So wenig wir oft von den Opfern in unserem Umfeld wissen, so wenig wissen wir auch von Täter(innen). Inzwischen habe ich zuviele Opfergeschichten gehört, um die Tatsache einfach ignorieren zu können, dass in meinem Freundes- und Bekanntenkreis Gewalt und sexueller Missbrauch geschehen ist und vielleicht andernorts immer noch geschieht. Und wo es Opfer gibt, sind natürlich auch Täter(innen) nicht weit.
Ein verdammt hässlicher Gedanke.

Jetzt könnte ich noch Tipps geben wie man damit umgehen soll, aber dass ist schwierig. Wir können zuhören, für die Opfer da sein, sie vor allem aber nicht nur als Opfer sehen, sondern als ganz normale Menschen, nicht als Empfänger von Mitleidsalmosen.

Sexueller Missbrauch

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