Das Gesicht einer Partei und einer Ideologie. Gedanken zu Guido Westerwelle

Guido Westerwelle verkörperte seit der Jahrtausendwende wie kein anderer Politiker die Positionen der FDP. Eine Partei für Vermögende, für angepasste Karrieristen mit dickem Konto und solchen, die gerne eins hätten. Für die Freiheit primär die Wahl des Designeranzugs, des Autos und vor Allem Steuerfreiheit bedeutet. Eine Partei, die den Sozialstaat auf ein Almosen reduzieren und im Gegenzug Steuern und Abgaben für die Besserverdienenden senken, die öffentliches Eigentum privatisieren und die Rente den Kapitalmärkten überlassen möchte.

Als Westerwelle an die Parteispitze der FDP drängte, war das alles nicht neu, aber ihm gelang es, aus dem biederen Anhängsel der Kohl-CDU eine jugendlich und „frisch“ wirkende, neoliberale Protestpartei zu formen. Für nichts war sich Westerwelle zu schade, um diesen Imagewechsel glaubwürdig zu verkörpern. Guido-Mobil, Big-Brother, Zahlen auf den Schuhsohlen und der jungdynamisch-sportlich-streberhafte Nachwuchspolitiker beim Volleyball-Turnier. So also sollte junge Politik des neuen Jahrtausends aussehen: marktkonform, oberflächlich und politisch nur dann, wenn darum ging, den Staat zu attackieren. Er hatte Erfolg damit und führte die FDP jahrelang von Sieg zu Sieg, gewann vor Allem jungbürgerliche Wähler, denen die CDU zu spießig und in Wirtschaftsfragen zu „sozialdemokratisch“ eingestellt war.

Westerwelle, der in der BILD AM SONNTAG einmal die Politik Thatchers als vorbildhaft präsentierte, stand ohne wenn und aber für all das, was ich an der FDP nicht mochte. Er giftete gegen die Gewerkschaften, forderte als dogmatischer Marktradikalinski die Deregulierung der Finanzmärkte, die Verlängerung der Laufzeiten für Atomkraftwerke und wäre 2003 Seit’ an Seit’ mit Angela Merkel im Gefolge der USA in den Irak einmarschiert. Noch gut erinnere ich mich daran, wie er im Bundestag erklärte, irakische Raketensysteme würden Deutschland bedrohen, was überhaupt stimmte, da sie gar nicht über die notwendige Reichweite verfügten. Es waren Szenen wie diese, die mein Verhältnis zu Westerwelle nachhaltig prägten.

Meinen Respekt gewann er spät durch sein Eintreten gegen deutsche Kriegsbeteiligungen, für die er von den bellizistisch gestimmten deutschen Leitmedien ausnahmslos und grob einseitig attackiert wurde wie nie zuvor in seiner Karriere. Soviel Kritik (durchaus ohne all die Häme und den Spott) an Westerwelle wie damals hätte ich mir lange vorher von den Medien gewünscht. Dass er den Rauswurf seiner Partei aus dem Bundestag erleben musste, habe ich ihm von Herzen gegönnt. Seine Krebs-Erkrankung ganz gewiss nicht. Niemand hat es verdient, so früh und auf so grausame Weise aus dem Leben gerissen zu werden. Sein Tod ist eine Tragödie für Freunde, Familienangehörige und Anhänger.

Ich trauere nicht um Westerwelle, aber ich empfinde auch keine Schadenfreude.

Guido Westerwelle

http://www.spiegel.de/fotostrecke/trauerfeier-fuer-guido-westerwelle-fotostrecke-135993.html