Das Haifischbecken zwischenmenschlicher Interaktion

Stephan und Karin haben mit ihren Artikeln bei mir einen wunden Punkt getroffen, denn auch ich bin Soziophobiker: Schüchtern, introvertiert, manchmal scheu und misstrauisch, außerdem nur bedingt selbstbewusst. Durch ein selbstbewusst wirkendes Äußeres kann ich meine Ängste allerdings recht gut verbergen, zumindest solange man mich nicht anspricht. Dann kann es unter Umständen passieren, dass man eine flatterige, nervöse Stimme zu hören und mit dünner Stimme genuschelte Sätze als Antwort erhält. Wie gesagt, es muss nicht passieren, aber es kann.

Ich habe nicht grundsätzlich ein Problem mit Menschen oder Menschenmassen. Letztere finde ich eher deprimierend als einschüchternd (Stichwort: Fremdschämen). Gefährlich wird es erst dann, wenn die „Gefahr“ besteht, mit fremden Menschen, tatsächlich kommunizieren zu müssen, sei es nun im Job oder auf einer Party. Und wenn man menschenscheu ist, dann ist das sehr viel anstrengender als für extrovertierte Menschen. Kommunikation kostet mich Kraft und ich brauche Pausen um mein dann angeschlagenes Nervenkostüm wieder ins Lot zu bringen.

Wie jeder andere Mensch in meiner Situation habe ich gelernt, mit dieser Seite meiner Persönlichkeit umzugehen – mehr oder weniger. Ich werde wohl nie eine kommunikative Spontanität und Ungezwungenheit an den Tag legen können, wie sie anderen Menschen gegeben ist. Es ist unglaublich schwer, frei und ungezwungen zu sprechen, wenn man permanent darüber nachgrübelt, wie das alles auf die Mitmenschen wirkt, permanent an sich selber zweifelt und hypersensibel auf kleinste Äußerungen seiner Kommunikationspartner reagiert.

Inzwischen gelingt es mir zeitweise, diese Zweifel auszuschalten bzw. zu ignorieren, aber dafür braucht immer etwas Vorbereitung und Kampf mit sich selber. So geht viel und Zeit und Kraft, die Andere mit damit verbringen und nutzen, ihre Ziele und Wünsche umzusetzen, mit inneren Kämpfen verloren. „Go with the flow“ wie Karin so schön schrieb, ist natürlich richtig. Selbstzweifel und Selbstbeschäftigung ausschalten und rein ins Vergnügen. Die Stärke der Anderen liegt (meistens) nicht darin, dass sie stärker, schöner oder intelligenter, sondern frei von Selbstzweifeln sind oder diese zumindest besser unter Kontrolle haben!

Die positiven Effekte bleiben nicht aus. Man wird selbstbewusster und die Grübeleien und Selbstzweifeln lasten belasten das (bzw. mein) Gemüt nicht mehr so sehr wie früher. Aber man wird die eigenen Dämonen nicht los, verirrt sich doch immer wieder in den Morast der eigenen Seelenlandschaft (um hier mal Stephans schöne Metaphern aufzugreifen) und muss dann zusehen, wie man sich am eigenen Schopf wieder herauszieht.

Mein Eindruck ist, dass es heute auch sehr viel wichtiger ist, sich attraktiv und selbstbewusst nach Außen in Szene zu setzen. Während unsere Eltern und Großeltern (Ich wohne auf dem Land) in relativ festen Strukturen gelebt und gearbeitet haben, mit einem relativ stabilen Umfeld und stabilen Beschäftigungsverhältnissen, schlagen sich viele Angehörige unserer Generation als Einzelkämpfer und Netzwerke durchs Leben. Wechselnde Jobs, Wohnorte, Beziehungen und Bekanntschaften sind für Viele Menschen Alltag. Als introvertierter Mensch ist für mich erheblich schwieriger, mich innerlich auf den ständigen Wettbewerb um neue Kontakte und Jobs einzulassen. Ich habe keine Lust auf Inszenierung, Networking und oberflächliche Bekanntschaften, werde aber durch gesellschaftliche Umstände dazu angehalten. Ich spiele das Spiel soweit eben notwendig mit, aber mein Eindruck ist, dass es Rampensäue heutzutage viel leichter haben, positiv konnotierte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie sind neben den schon Vermögenden (die meist auch qua Familie schon gut vernetzt sind) die eindeutigen Gewinner der neoliberalen Wettbewerbsgesellschaft.

Natürlich wäre es Blödsinn, daraus den Schluss zu ziehen, dass „früher Alles besser“ war und es hilft auch nichts, einem vermeintlichen Idyll in der Vergangenheit nachzutrauern. Jede Generation hat ihre eigenen Probleme und Kämpfe zu meistern. Es bleibt einem als introvertiertem Menschen nichts anderes übrig, als sich ab und zu ins Haifischbecken zwischenmenschlicher Kommunikation zu begeben. Die Alternative wäre, als einsamer und verbitterter Sonderling in seinem Stübchen vor sich hin zu vegetieren.

Aus meiner Sicht ist das aber eine beschissene Alternative, also bleibt nur Plan B: Ängste und Komplexe im Keller abstellen, hinaus gehen in die Welt und riskieren, auch mal auf der Nase zu landen. Denn das ist immer noch einer meiner größten Ängste: Fehler zu machen und seiner Umwelt zu zeigen, dass man fehlbar ist. In der Regel sind die Reaktionen halb so wild, wie ich sie mir vorher ausmale. Das Beste, was man also machen kann, seine Ängsten und Komplexen manchmal mit einem lautstarken LECKT MICH AM ARSCH (oder ähnlich wirkenden Formulierungen) zur Räson zu bringen und loszuziehen.

Im Nachhinein habe ich das nie bereut. Na ja, fast...

Soziale Phobien

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