Das Martyrium der „KZ-Bio-Hühner"

Hühner fand ich immer langweilig und doof. Im letzten Jahr hat sich unsere Tochter Kaninchen gewünscht, aber dagegen hat meine Frau eine Allergie. Dann wollte sie wenigstens Hühner haben. Ok, sie hat welche gekriegt. Bei der täglichen Beobachtung bemerke ich, das sie schlau sind und jedes seinen eigenen Charakter hat.

Unsere Tochter hat jedem einen Namen gegeben: Elly, Titania, Borki, Sidra, Bella, der (Seiden)-Hahn heisst Rabauk. In dieser Reihenfolge hat sich auch die Hackordnung etabliert. Jeden morgen stehen sie am Zaun des Geheges und betteln, das sie in ihr "Hühnerparadies" dürfen, unseren großen Garten mit Rasen, Gemüsegarten und altem Stauch- und Baumbestand. Als erstes stürzen sie sich auf die Katzennäpfe und gucken ob es da noch etwas zu futtern gibt. Dann suchen sie das Grundstück nach Insekten, Würmern, Käfern und anderen Leckerbissen ab. Mittags widmen sie sich der intensiven Körperpflege, scharren sich eine Kuhle unter einem Busch, nehmen ein Sandbad und ruhen sich aus. Sie haben Freude an Bewegung (Fliegen,  Flattern, Gehen, Laufen, Springen), Erkunden, Picken und pflegen ein intensives Sozialleben. Ihre Kommunikation mit Artgenossen ist von vielfältigen Verhaltensweisen und Lautäußerungen geprägt (bekannt sind über 20 Typen von Verständigungslauten). Ich habe meine Meinung über sie geändert.

Wir essen die Eier, schlachten mögen wir aber unsere Hühner nicht, denn wir haben zu jedem ein persönliches Verhältnis. 

Jetzt habe ich in einem Bericht im Weltspiegel (Das Erste) gesehen, dass Hühner in einem Altenheim in London als Therapietiere eingesetzt werden (s. Referenz). Das hat mich neugierig gemacht, ich habe weiter recherchiert. Es finden sich zahlreiche Berichte, in denen Hühner auch in deutschen Altenheimen als „Co-Therapeuten“ eingesetzt werden. Zunehmend nutzen Einrichtungen die positive Wirkung auf die Menschen, so z.B. die v. Bodelschwinghsche Stiftung Bethel bei Bielefeld, in einer Abteilung für Demenzkranke. Bei denen werden durch dem Umgang mit den Hühnern oft scheinbar verloren gegangene Ressourcen wieder angestossen. 

Eigentlich wollte ich hier nur über diese Idylle berichten. Aber bei der Recherche für diesen Comment bin ich auf erschreckende Schilderungen der Produktionsmethoden auch von Bio-Hühnerprodukten gestossen. 
 
Viele Verbraucher glauben (wie auch wir glaubten) an artgerechte Tierhaltung, wenn sie Eier und Fleisch aus Bio- oder Freilandhaltung kaufen. Auf das geänderte Kaufverhalten haben nahezu alle Discounter reagiert und Eier aus Käfighaltung komplett aus den Sortiment verbannt und auf Angebote von alternativen Haltungsformen umgestellt. Dabei üben sie enormen Preisdruck auf die Erzeuger aus.

Aber die uns vorgegaukelte Vorstellung, dass Bio-Eier von kleinen Bauernhöfen mit ein paar glücklichen Hühnern stammen, ist eher romantisches Wunschdenken. Solche kleinen Höfe einiger Idealisten nehmen an der Produktion von Bioprodukten für die Supermärkte nicht teil. 

Um die ungebremste Nachfrage nach Bioprodukten zu befriedigen sind auch die alternativen Haltungsformen industrialisiert. Die strengeren Vorschriften bei der Produktion von Bio-Eiern werden kaum eingehalten, wie die Organisation „PETA“ recherchiert hat (s. link). Die Tiere sind durch enge Massenhaltung völlig gestresst. Federpicken, Kannibalismus und andere Verhaltensstörungen, sowie mangelhafte Hygiene sind die Normalität. Den Tieren wird kaum Raum für Bewegung zugestanden: bis zu 26 Hühner müssen sich einen Quadratmeter Platz teilen – das entspricht pro Huhn in etwa etwas mehr als einem DIN-A5-Blatt. Der vorgeschriebene Auslauf der Freiland- und Biohaltung wird den Tieren oft nur selten zugebilligt. Wenn ich sehe, wie freiheitsliebend und klug diese Tiere sind, ist das eine abscheuliche Tierquälerei, das ist reinstes Hühner-KZ. Angeblich wollen die Verbraucher Unmengen von Fleisch zu billigsten Preisen. 2012 wurden in Deutschland knapp 700 Millionen Hühner geschlachtet.

Auch wenn ich sonst Bioprodukte bevorzuge, in diesem Fall ist es leider keine Lösung. Hier werden Tiere weder artgerecht gehalten noch sind diese Produkte gesunder als konventionell produzierte. Das Etikett „Bio“ ist in diesem Fall eine Mogelpackung.
 
Ich habe großen Respekt vor Menschen, die aus Tierschutzgründen ganz auf Fleisch und Eier verzichten. Ganz so konsequent sind wird nicht. Wir essen die qualitativ hochwertige Eier von unseren glücklichen Hühnern. Aber wir essen jetzt wesentlich seltener Fleisch, das wir direkt von einem Bauernhof kaufen, wo wir wissen, dass die Tiere dort genauso artgerecht leben dürfen wie bei uns. Das kostet erheblich mehr, aber wir konsumieren ja auch wesentlich weniger. So verhalten sich inzwischen auch einige andere verantwortungsbewusste Menschen. Wenn das alle täten, würde das geänderte Kaufverhalten sicher andere Vertriebswege öffnen oder die Discounter dazu zwingen, wirklich geprüfte Qualität ohne Tierquälerei anzubieten. Die Produzenten sind dann nicht mehr gezwungen, die Kosten zu Lasten der Tiere möglichst niedrig zu halten, denn sie bekommen mehr Geld für ihre Ware. Dann könnten die Hühner in Zuchtbetrieben nahezu so glücklich sein wie unsere.

Bio-Wahn

http://mediathek.daserste.de/Weltspiegel/Schnappschuss-London/Das-Erste/Video-Podcast?

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