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Das große Fressen.

Ich möchte heute an Marco Ferreris grandiosem Film “Das grosse Fressen (La Grande Bouffe)” aus dem Jahr 1973 erinnern. Vier in die Jahre gekommene Freunde sind des Lebens dermassen überdrüssig, das sie beschließen, an einem Wochenende feierlich durch übermässige Nahrungsaufnahme kollektiv Selbstmord begehen. Da gibt es den Jurist Jurist Philippe, ein Liebhaber dicker Frauen, Fernsehproduzenten Michel (der sich selbst als Balletttänzer sieht), Flugkapitän Marcello (Liebhaber sehr junger Frauen) und Restaurantbesitzer Ugo, der für das Wochenende als Koch fungiert. Zum Freundeskreis stossen ein paar Prostituierte (die bald das Weite suchen werden) und die korpulente Lehrerin Andrea, die sich an der Orgie bis zum bitteren Ende beteiligt - und sie als einzige überlebt. In den 1970er Jahren ging nicht nur im europäischen Horror-Genre, sondern auch im Arthouse und vor allem im Mainstream einiges - man erinnere sich an wunderbar entgrenzte Werke wie “Die 120 Tage von Sodom”, “Das wilde Schaf”, “Nachtblende” oder “Trio Infernal”, Streifen, die sowohl auf explizite Erotik wie auch einen ansehnlichen Gore-Faktor setzten und regelmässig für handfeste Skandale sorgten. “Das grosse Fressen” steht in dieser ehrwürdigen Tradition und wurde damals von dem grossen Filmkritiker Roger Ebert mit den Attributen “dekadent”, “abscheulich”, “obszön” und “zynisch” verdammt. Die wahre Härte von Ferraris Werk liegt allerdgins nicht in den gezeigten Geschlechtsakten (die heute eher harmlos wirken), sondern an der Direktheit, mit der die Kamera nicht nur die wahnwitzige Schönheit der gekochten Gerichte (diese wunderbaren Pasteten!), sondern auch der Nebenerscheinungen einer solchen Orgie einfängt. Michel, genialst dargestellt von Michel Piccoli, hat zum Beispiel Verdauungsprobleme - seine Bauchschmerzen und durch Massage und sonstige Hilfsmittel herausgequetschten unirdischen Blähungen werden unbarmherzig in den Mittelpunkt des Geschehens gerückt, bis er schließlich an einem Darmdurchbruch stirbt. Damit nicht genug. Wer so viel zu sich nimmt, muss es logischweise auch wieder loswerden. Kein Wunder, dass die sanitäre Anlage irgendwann aufgibt und in einer “braunen Explosion” alles wieder ausspuckt, is eine der Schlüsselszenen des Films, da hier das Grauen, der Ekel und das irrwitzige Gelächter der mit Scheisse übergossenen Protagonisten so eng zusammenrücken, dass es praktisch keinen gefühlsmässigen Unterschied macht. Auch beim Zuseher nicht. Und mit dieser würdevollen Scat-Ouvertüre kann das Sterben beginnen, ein Protagonist nach dem anderen wird hinweggerafft. Marcello erfriert sehr stilvoll, in einem Bugatti in der Garage sitzend. Michel furzt immer länger und verzweifelter, bis ihn schließlich von seinem Leiden erlöst wird. Der Tod von Ugo ist der beeindruckendste: Da niemand seine liebevoll zubereiteten Pasteten kosten mag, beschließt er, sie alleine zu verzehren. Und hier kommt der Feeding-Fetisch sehr schön ins Spiel: Da er sich nicht mehr bewegen kann, wird er von seinem verblieben Genossen Philippe gefüttert und von Andrea befriedigt, damit er mit einem Orgasmus von dieser Welt scheiden kann. Sehr beeindruckend dann die Schlußsequenz, in der die gleichzeitig gedemütigte und doch dekadent gewordene Lehrerin den soeben mit Nachschub eingetroffenen Fleischer anweist, die einzelnen Fleischstücke in den Garten zu werfen. Philippe isst noch einen Pudding in Busenform und stirbt schließlich friedlich an ihrer Schulter. Man wünscht diesen vier tapferen Männern geradezu, daß sie im Schlaraffenland landen. Das Schönste daran: Man wird niemals satt.

Kultfilm