Flüchtlinge - das unumstrittene Wort des Jahres?

Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat am 11. Dezember das Wort „Flüchtlinge“ zum Wort des Jahres 2015 gewählt. In diesem Jahr ist diese Entscheidung wohl naheliegend. Ich habe für mich persönlich das Jahr noch einmal Revue passieren lassen und versucht den geeigneten Kandidaten für MEIN Wort des Jahres zu finden:

Im März hat das Wort „Germanwings-Flugzeugunglück“ die Medien in Deutschland geprägt. Es war nach vielen Jahren das erste tödliche Unglück für eine deutsche Fluggesellschaft und hat mich aufgrund meiner beruflichen Wurzeln in der Luftfahrt besonders beschäftigt. Vor allem die Umstände, dass ein Pilot mit schweren Depressionen (was dem Lufthansa-Konzern bekannt war) Selbstmord begeht, indem er sich und 150 weitere Menschen in einem Flugzeug gegen einen Berg steuert, ist, wenn ich heute darüber nachdenke immer noch schwer zu realisieren. Beeindruckend war die Anteilnahme durch die Bevölkerung. Unter dem Hashtag #Indeepsorrow wurden noch viele Tage nach dem Absturz Trauer und Beileidsbekundungen an die Hinterbliebenen geteilt. Hier ist mir persönlich zum ersten Mal die Bedeutung der sozialen Medien als ein Weg zum Umgang mit Ungewissheit und Trauer richtig bewusst geworden.

Natürlich waren auch wie jedes Jahr wieder Milliardenhilfen im Rahmen der Eurokrise und der potentielle „Grexit“ ein großes Thema (Siehe https://whicee.com/de?s=Griechenland-Krise).
Statt um Milliarden zu feilschen, hat jemand anders damit auf sich aufmerksam gemacht, Milliarden verschenken zu wollen: Mark Zuckerbergs „Milliardenspende“ ist ein interessanter Kandidat für das Wort des Jahres. Meinungen gab es auf whicee darüber unter dem StarTag „Mark Zuckerberg“: https://whicee.com/de?s=Mark%20Zuckerberg .
Nicht nur mit dieser Ankündigung hat der Facebook-Gründer Aufsehen erregt. In diesem Jahr hat er sich auch ungewöhnlich viel zu Themen aus Politik und Gesellschaft geäußert, zum Beispiel zum Thema Einwanderung von Muslimen oder zu seinem persönlichen Schicksal beim Thema Fehlgeburten. Er hat damit, wie ich finde, den Nagel oft genau auf den Kopf getroffen. Wenn es seine Milliardenspende auch nicht zu meinem persönlichen Wort des Jahres geschafft hat, so wäre Mark Zuckerberg in jedem Fall ein Kandidat für meine Person des Jahres.

Im September hat der „Abgasskandal“ bei VW große Wellen geschlagen und neben vielen anderen Konsequenzen zum Rücktritt des Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn geführt. Vor allem in den USA, wo der Skandal eine Klagewelle gegen den Konzern ausgelöst hat, wurde ich oft darauf angesprochen. So ein Skandal stärkt hier das nationale Selbstbewusstsein; man reagiert schnell mit Häme gegen die technisch überlegenen Marken aus Deutschland. In diesem Fall wohl durchaus legitim. Einer meiner Lieblings-Comments von Kassandrus aus diesem Jahr behandelt das Thema im Gesamtkontext von Korruption und Manipulationen in der Industrie: https://whicee.com/de/Nix-als-heie-Luft .

Im November ist ohne Zweifel eine große deutsche Persönlichkeit verstorben. Dafür gab es keinen treffenden Ausdruck, der es zum Wort des Jahres bringen könnte. Die Medienlandschaft war jedoch geprägt von einem Namen: „Helmut Schmidt“. Viele Menschen haben sich nach der Nachricht über seinen Tod noch einmal mit dem Lebenswerk von Helmut Schmidt beschäftigt, was sich auch auf whicee in einigen interessanten Meinungen widerspiegelte: https://whicee.com/de?s=Helmut%20Schmidt .

Zwei islamistisch motivierte Anschläge in Paris haben im Januar und November das Geschehen geprägt. Die damit verbunden Begriffe „Je Suis Charlie“ und „ParisAttacks“ waren klare Kandidaten für das Wort des Jahres 2015. Wenn diese Ereignisse auch nicht im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Thema Flüchtlinge stehen, führen sie trotzdem zum gleichen Ergebnis: Sie stellen Europa vor neue Herausforderungen und werden den Kontinent wohl merklich verändern. In welche Richtung ist noch nicht absehbar, einige interessante Meinungen gab es in jeden Fall auf whicee dazu unter #ParisAttacks: https://whicee.com/de?s=%23ParisAttacks

Nach diesem Schnelldurchlauf der wichtigsten Ereignisse des Jahres 2015, verbunden mit ihren prägenden Begriffen, schließe ich mich letztendlich der Entscheidung der Gesellschaft zum Wort des Jahres an: Auch für mich ist das Wort des Jahres „Flüchtlinge“, jedenfalls was die Relevanz des Themas betrifft. In der jüngeren Vergangenheit gab es wohl kaum ein so ein omnipräsentes Thema, das jeden etwas angeht und zu dem es so wichtig ist, sich eine qualifizierte Meinung zu bilden. Man sieht dies auch an den vielen unterschiedlichen Meinungen, die es auf whicee unter dem StarTag „Flüchtlingsdebatte“ in diesem Jahr gab: https://whicee.com/de?s=Flüchtlingsdebatte .

So sehr das Wort „Flüchtlinge“ in diesem Jahr die Diskussionen bestimmt hat und wohl auch weiterhin bestimmen wird - unumstritten ist der Begriff als solcher durchaus nicht. Über Alternativen für diesen, von vielen als abwertend empfundenen Begriff wird derzeit heftig diskutiert. Meine Hoffnung ist, ganz gleich, wie diese Debatte ausgeht, dass wir diejenigen, die wir heute (noch?) mit diesem Begriff bezeichnen, im nächsten Jahr mit vielen Erfolgsgeschichten verbinden, und dass auch diese Menschen selbst - ob man sie nun „Flüchtlinge“ nennt, „Geflüchtete“ oder „Menschen mit Fluchthintergrund“ - ihre Geschichten weiterschreiben können. Ich bin sehr auf die weiteren Meinungen gespannt, die 2016 auf whicee geteilt werden und hoffe, dass wir in unseren Diskussionen gemeinsam einen Beitrag leisten können, um die Situation für die von Flucht Betroffenen zu verbessern.

MEIN (UN-)WORT DES JAHRES

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/fluechtlinge-ist-wort-des-jahres-2015-a-1067253.html

Anzeige: