Das verdammte Vorlesen hat mir das Theater ruiniert

Vorlesezeit war Vater-Zeit, auch bei uns im Haushalt. Jeden Abend saß mein Vater bei mir am Bett und las, was die Bücherregale hergaben, um auch endlich in den Genuss seines wohlverdienten Feierabends zu kommen. Denn ohne Gute-Nacht-Geschichte wollte ich nicht ins Bett gehen. Wie meine Vorrednerin genoss ich die Zeit, die ich so mit meinem Vater verbrachte. Später übernahmen dann Bibi und Benjamin seinen Job, gefolgt von TKKG oder den ???. Wann immer jemand vorlas, drifteten meine Gedanken ab und Morpheus empfing mich mit offenen Armen.

Als ich sieben Jahre alt war, versuchte ich den Spieß umzudrehen. Ich war davon überzeugt, dass meine Katze höchst interessiert an dem war, was ich ihr vorlas. Meist las ich aus dem Was-Ist-Was Katzen-Buch vor und so verbrachten wir Stunden unter dem großen Balkonfenster, meine Katze schlummernd zusammen gerollt und ich freudig vor mich hinlesend.

Jahre später, als ich James kennen lernte, führten wir zunächst eine Fernbeziehung. Zum allabendlichen Skypen gesellte sich schnell das Ritual des Beatrix Potter-Vorlesens. Das Vorlesen verfehlte seine Wirkung nicht, wer kann schon wach bleiben, wenn Mrs. Tiggy-Winkles, ihres Zeichens eine resolute Igelin, den Haushalt schmeißt? Schnell schlummerte ich friedlich vor dem aufgeklappten Monitor meines Laptops. Allerdings war dieses Ritual nicht besonders praktisch, denn sobald James aufhängte, schreckte mich Skype wieder hoch.

Heute, wenn ich besonders schnell zur Ruhe kommen muss oder mich besonders gestresst fühle, frage ich James auch, ob er mir nicht vorlesen könnte. Noch immer verfehlt der Trick seine Wirkung nicht. Manchmal sind es die Geschichten von Robert Aickmann, ein anderes Mal die Gespenstergeschichten von M. R. James. Es scheint, dass mich das Vorlesen in jungen Jahren perfekt konditioniert hat, denn nach den ersten zehn Minuten des Vorlesens gebe ich keinen Laut mehr von mir und döse friedlich vor mich hin.

Natürlich braucht es eine gute Vorleserin oder einen guten Vorleser, um zur Ruhe zu kommen. Nichts ist ärgerlicher, als wenn über den Text gestolpert wird als sei es ein besonders schwer zugänglicher Waldweg. Vorleser*innen brauchen Selbstbewusstsein in der Stimme und müssen auch gut betonen können. Was nutzt es, wenn der Text nur so herunter geleiert wird und wie Tinnitus im Ohr hallt?

Auch ich mache das Vorlesen dafür verantwortlich, die ersten Grundlagen für sicheren Textumgang gelegt zu haben. Darüber hinaus gilt: Wer sicher mit Text in seiner Muttersprache ist, wird auch gutes Textverständnis für Text in einer anderen Sprache entwickeln (sofern der Grundstock an Vokabeln da ist). Textkohärenz lässt grüßen. Obwohl ich selber im Englischen nur bedingt fehlerfreie Texte produzieren kann, sehe ich doch schnell, ob ein Text gut oder schlecht geschrieben worden ist. Nur wer viel liest, wird schnell sensibilisiert für den Unfug, den einige Menschen zusammen schreiben.

Doch zurück zum Vorlesen, bevor ich noch weiter abdrifte in die Untiefen des menschlichen Schreibstils. Während ich über Jahre also nur positives über das Vorlesen zu berichten hatte, fällt mir doch mit zunehmender Anzahl meiner Theaterbesuche auf, dass das Vorlesen einen fatalen Nachteil hat.

Wenn ich ins Theater gehe, muss ich mich ungemein darauf konzentrieren, nicht einzuschlafen. Das Vorsprechen der Schauspieler*innen hat den gleichen Effekt wie eine Geschichte von Mrs. Tiggy-Winkles und nur mit Mühe kann ich ein Gähnen unterdrücken. Ganz fatal ist es, wenn es sich auch noch um eine langweilige Produktion handelt und gar nichts auf der Bühne passiert. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werde ich dann nämlich in meinem Sessel einschlafen. Ich weiß, Schande über mein Haupt. Ich würde mich in Anlehnung an das Wort 'Neureiche' fast als 'Neukulturelle' bezeichnen, die dem Theater nicht genügend Wertschätzung entgegen bringt und sich ganz schnell ins gesellschaftliche Fettnäpfchen setzt.

Deswegen sei hier nicht nur auf die Vorzüge des Lesens hingewiesen, sondern auch die potentiellen Gefahren. (Vor-) Lesen verpflichtet zum gesellschaftlichen Anecken!

Vorlesen