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Den Wahnsinn mal kurz aus dem Kopf kriegen,

wenigstens für eine Stunde oder so. Freitagnacht um 4:30 Uhr wieder aufgestanden, eigentlich schon Samstagmorgen. Nicht geschlafen, hin und her gewälzt, gegrübelt, Pläne geschmiedet und wieder verworfen. Gestern, eigentlich schon vorgestern, also am Donnerstag, glücklicherweise keine Nachrichten gesehen. Jeden Tag irgend ein Irrsinn, Menschen ertrinken zu Hunderten, Tausende irren erschöpft durch fremde Städte, sind hinter Bauzäunen, in Bussen oder Zügen eingepfercht, immer wieder Tränen, Stacheldraht, Schreie, Schlagstöcke, Tränengasgranaten, ein älterer Mann stirbt auf einem Bahnsteig, ein kleiner Junge liegt tot am Strand. Ein Mann wirft in Kiew eine Handgranate mitten in eine Menschenmenge, als Ausdruck seiner politischen Überzeugung. In Kairo werden Journalisten zu jahrelanger Haft verurteilt, weil sie auch die andere Seite der Wahrheit gezeigt haben. IS-Fanatiker sprengen in Palmyra täglich jahrtausendealte Kulturdenkmäler, kostbares Erbe der Menschheit, nur noch aufgehäufter Schutt. Ein deutscher Feuerwehrmann wirft mit Freunden Molotowcocktails in die Wohnung einer afrikanischen Familie, Mutter und zwei Töchter entkommen in letzter Minute. Spätestens am übernächsten Tag brennt irgendwo anders eine Flüchtlingsunterkunft.

Flucht, Flüchtling, fliehen, flehen, fluchen, flennen, wieder nachhause fliegen. Gut aufgehoben oder abgeschoben, aufgeschoben und aufgeschoben und aufgeschoben und dann nach Jahren doch noch abgeschoben. Endlich Gefühle, auch bei den Politikern. Bilder transportieren Erlebnisse, zumindest teilweise. Gefühle bewegen, innerlich und äußerlich. Mich würgt Wut und Verachtung auf die Herrscher von Ungarn, Tschechien, Polen und der Slowakei – offene Hände, offene Taschen, aber offensichtliche Feindlichkeit denen gegenüber, die vor einem Übermaß an Feindlichkeit, vor Krieg und Tod geflohen sind. Teilen ja, aber nur das EU-Budget. Allen voran Cameron, dieser scheinheilige Ritter von der verlogenen Gestalt. Wartet nicht, bis Großbritannien sich von der EU trennt, schmeißt sie raus – zumindest auf Probe! Bitte!! Ungarn gleich hinterher. Sollen die Menschen sich dort und auch hier endlich Politiker wählen, die ehrlicher und menschlicher sind, die nicht hetzen und heucheln und vor dem großen Geld den Bückling machen, sondern aufrecht gehen. Die im Sinne des Volkes und zum Wohle der Menschen entscheiden, damit sich niemand mehr schämen muss. Oder um sein Leben fürchten.

Wir leben in einer Welt der Dualitäten, nichts existiert ohne sein Gegenteil. Sonne, Mond, Frau, Mann, Ebbe, Flut – ihr wisst schon. Der Krieg gegen den Terror förderte Terror, der Krieg gegen Drogen half den Drogenkartellen. Fremdenhass schafft Nächstenliebe. Jeder Brandanschlag, jede Fremdenfeindlichkeit, jede kleine oder große Unmenschlichkeit erzeugt automatisch ihr Gegenteil. Immer mehr Menschen sind betroffen, helfen, teilen, heißen Fremde willkommen, die noch lange nicht am Ende ihrer langen Flucht angekommen sind. Zuhören, trösten, spenden, und immer wieder teilen, mitteilen, Freude und Leid teilen. Das andere Deutschland macht sich stark, das bunte, helle, lächelnde – auch wenn Dunkeldeutschland dadurch nicht verschwindet.

Eine Freundin weinte vorhin lange am Telefon, als sie mir von ihrem Donnerstagmorgen erzählte. Am Schreibtisch, gleich nach dem Hochfahren des PCs, ein großes Bild von Aylan am Strand von Bodrum, gedankenlos zur Mitarbeiterinfo ins Intranet gestellt. Ihr Sohn ist fast genauso alt wie Aylan, sie musste sich gleich morgens ziemlich zusammenreißen, um nicht in Tränen auszubrechen. Dann vormittags, am Kiosk beim Zigarettenholen, dieselben Fotos auf der BILD-Zeitung. Eine Frau mittleren Alters blickt abschätzig auf die Bilder und sagt zu jemand in exakt jenem Tonfall, den brandneuer NATO-Draht beim Abrollen erzeugt: "Na und, wenn ich tot am Strand liege, da kümmert sich auch keiner drum.“ Häme, Gemeinheit, Abgestumpftheit und eine innere Kältestarre, die ich niemandem wünschen möchte. Und doch viel zu oft erlebe in diesem Land.

Meine Freundin war wie vor den Kopf stoßen, sprachlos vor Empörung, atemlos vor Wut. Erst zwei Minuten später hatte sie sich so weit gefasst, dass die passenden Worte der Entgegnung aussprechlich wurden, die beiden Weiber aber bereits im Gedränge verschwunden waren. Das unfassbare Leid, von dem uns Tag zu Tag mehr umgibt, das uns eingesperrt in Flachbildschirmen und plattgewalzt von Zeitungsseiten anfleht, wir mögen bitte nicht wegsehen und mitfühlen – es hat sein Gutes. Es trennt unter uns die Spreu vom Weizen, weckt Hilfsbereitschaft, verbindet Menschen, baut Brücken. Es wird die ewig Gestrigen, die von Geiz, Hass und Neid erfüllten Kleingeister, nicht verschwinden lassen. Vielleicht werden sie sogar mehr, vielleicht eine Zeitlang. Aber sie werden verschwinden, denn Hass ist ein vergifteter Nährboden. Wir stellen uns ihnen entgegen und erkennen einander am Blick, am Leuchten unserer Augen, in denen noch Hoffnung brennt. Und weil uns Nächstenliebe verbindet.

So, Morgengrauen. Oft genug Korrektur gelesen, hier und da ein Wort gestrichen oder hinzugefügt. Lasst euch nicht entmutigen! Keep the Spirit. Schönes Wochenende.

Europa wacht auf. Teilweise. Immerhin!