Der Eurabien-Komplex. Hintergründe zur grassierenden Muslimfeindlichkeit

Der Begriff „Eurabien“ fasst die Vision eines islamisch dominierten Europas zusammen. Geprägt wurde der Begriff von der Publizistin Gisèle Littman, die unter dem Pseudonym Bat Yeʾor in den vergangenen Jahrzehnten mehrere antimuslimische Bücher verfasst hat. In ihren Büchern wirft sie den politischen Eliten Europas vor, seit der Ölkrise 1973 auf die Verschmelzung Europas mit der arabischen Staatenwelt hinzuarbeiten und die Islamisierung Europas voranzutreiben. Neben Littman zählen die verstorbene italienische Autorin Oriana Fallaci und der kanadische rechtsaußen-Publizist Mark Steyn zu den geistigen Vorreitern der Muslimfeindlichkeit, die in Deutschland vor allem durch den Blog „Politically Incorrect“ und der „Achse des Guten“ ihre publizistischen Sprachrohre finden. Mit der Pegida-Bewegung ist in der Bundesrepublik eine medial wirksame Massenbewegung unter dem Banner der Muslimfeindlichkeit in Erscheinung getreten. Die rechtspopulistische Partei AfD setzt bei ihrer Stimmungsmache auf muslimfeindliche Ressentiments. Angesichts der weit verbreiteten antimuslimischen Paranoia lässt sich inzwischen von einem regelrechten Eurabien-Komplex sprechen.

Als Beweise für die Islamisierung Europas führen die Vertreter des Eurabien-Komplexes die Zunahme des muslimischen Bevölkerungsanteils und den Bau immer größerer Moscheen in zahlreichen europäischen Ländern an. Durch massenhafte Einwanderung aus muslimischen Ländern, hohe Geburtenraten in muslimischen Familien und der Konversion von Europäern zum Islam werde der Bevölkerungsanteil der Muslime in vielen Ländern in einigen Jahrzehnten bald den nichtmuslimischen Bevölkerungsanteil übertreffen. Mark Steyn schreibt in seinem Buch „America Alone“, dass die Islamisierung Europas kaum mehr zu verhindern sei und lediglich die USA der islamischen Welt noch an kultureller Strahlkraft und militärischer Stärke Paroli könne.

„Die Linken sind schuld!“
Als Ursache für die Kraftlosigkeit Europas sehen muslimfeindliche Autoren, die in der Regel auch neoliberale Positionen vertreten und dem US-amerikanischen Neokonservatismus nahe stehen, den „Kulturmarxismus“ der Linken. Dieser habe zur Zerstörung der christlich-abendländischen Kultur und zur angeblichen kulturellen Schwäche Europas entscheidend beigetragen. Linke „Gutmenschen“ betrieben „dem Islam“ gegenüber eine unterwürfige „Appeasement-Politik“ und würden so Stück für Stück die Werte des Abendlandes preisgeben. Da ist es logisch, dass die Islamisierung Europas auch für deutsche Autoren wie Henryk M. Broder eine beschlossene Sache ist. In die gleiche Kerbe hauen Autoren wie Thilo Sarrazin und Udo Ulfkotte, der inzwischen mehrfach bei den Pegida-Demonstrationen aufgetreten ist.

Das Denken muslimfeindlicher Autoren ist geprägt von Verschwörungstheorien. Die islamisch geprägte Welt wird als homogener Block aggressiver Glaubenskämpfer präsentiert, Immigration und hohe Fertilität als Kampfwaffen gegen die westliche Welt interpretiert. Da fällt es nicht schwer, in jeder Moschee einen Vorposten des internationalen Dschihadismus zu sehen. Gerade Broder ist ein Meister darin, aus Fernseh- und Nachrichtenschnipseln über demonstrierende Islamisten und islamistische Gewalttaten das Bild eines durch und durch totalitären und aggressiven Islams zusammen zu basteln.

Alte Horrorvisionen
Der Journalist Doug Saunders beschreibt in seinem Buch „Mythos Überfremdung“ anschaulich, dass die kulturellen Überfremdungsängste, die gegenüber den Muslimen gehegt werden, in historischer Kontinuität zu ähnlichen Phänomenen aus der Vergangenheit stehen. Ein Blick in die Geschichte des 19. Jahrhunderts und frühen 20. Jahrhunderts zeigt, dass ähnliche Horrorvisionen im weißen, protestantischen Bürgertum Englands und der USA weit verbreitet waren. Nur fürchtete man damals keine Muslime, sondern katholische Iren, Italiener, Juden aus Osteuropa und natürlich die Mitbürger afrikanischer Herkunft. Man fürchtete sich vor den fremdartig wirkenden Bräuchen der Neuankömmlinge, ihrem Glauben, ihrer Armut und ihrer hohen Geburtenrate, einige hielten sie geistig und rassisch für minderwertig.

Saunders weist nach, dass die Geburtenrate sowohl bei muslimischen Imigranten, als auch in vielen islamisch geprägten Ländern stark im Sinken begriffen ist. Zwar wird der Anteil der muslimischen Bevölkerung in Europa in den kommenden Jahrzehnten auf ca. 10-12 % steigen, aber islamisiert wird Europa dadurch ganz gewiss nicht. Außerdem sollte bedacht werden, dass bei weitem nicht jeder statistische „Muslim“ tatsächlich einer ist. Eurabien, das ist die große Überfremdungsdystopie des weißen, bürgerlichen Europas unserer Zeit. Ein Wahngebilde, das mit der Realität so gut wie nichts zu tun hat und sich aus überkommen geglaubten rassistischen und kulturchauvinistischen Stereotypen speist.

Der Hass vereint
Die muslimfeindlichen Akteure präsentieren sich gerne als radikalliberal, proisraelisch und proamerikanisch, vom „braunen Sozialismus“ in Tradition der NSDAP distanzieren sie sich scharf. Das wiederum hält sie nicht davon ab, mit kulturdeterministischen Stereotypen um sich zu schmeißen. Muslime werden kriminalisiert, faschisiert, dämonisiert und ihre Kultur auf einen dschihadistischen Islam reduziert. Viele Texte der selbsternannten Verteidiger des Abendlandes sind pure Hass-Propaganda. Da verwundert es nicht, dass auch Vertreter des neonazistischen Spektrums bei den Muslimhassern gerne mitmarschieren, wie bei den Pegida-Demonstrationen. Dass einige Akteure dieser Bewegung jüdischer oder muslimischer Herkunft sind, scheint in den Augen ihrer nationalsozialistisch orientierten Verbündeten keine Rolle zu spielen. Auf den muslimfeindlichen Blogs ist der Übergang von kulturdeterministischen zu rassistischen Auslassungen fließend. Allzu groß scheinen die Unterschiede zwischen dem Kulturdeterminismus, wie er von den Muslimhassern propagiert wird, und dem rassistischen Biodeterminismus der Neonazis auf der praktischen Ebene nicht zu sein. Der Hass vereint.

Muslimfeindlichkeit

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