Der Freiheitsromantiker, oder: Warum Gauck mich aufregt

Gauck regt mich auf. Reine Zeitverschwendung, ich weiß, aber ich kann einfach nicht anders. Dieser Mann bringt mich manchmal schier zur Weißglut, weit mehr als jeder andere Bundespräsident, den ich bisher erlebt habe. Manchmal erwische ich mich sogar dabei, wie ich Christian Wulff hinterher trauere.

Das muss man sich mal vorstellen: Christian Wulff!!!

Woran das liegt? Beispielsweise an der BILD-Kampagne, mit der Gauck schon gegen Wulff ins Präsidenten-Amt gehievt werden sollte. Niemand sollte Politikern trauen, die mit aktiver Unterstützung des Springer-Konzerns in Amt und Würden gelangen. Ich weiß, dass sind inzwischen fast Alle, aber das ist ein anderes Thema. Auch Wulff war ein Politiker von Döpfners Gnaden, aber irgendwie hatte der es geschafft, den allmächtigen Medien-Konzern gegen sich aufzubringen und das macht ihn beinahe sympathisch.

Zurück zu Gauck. Mich ärgert es, dass Gauck als Dissident und moralische Autorität hingestellt wird. Er war Pfarrer und Kirchenfunktionär in der DDR, hat das dort herrschende System abgelehnt, sich aber nie öffentlich dagegen gestellt, als das noch gefährlich war. Gauck trat erst als Oppositioneller in Erscheinung, als das SED-Regime nicht mehr gewaltsam gegen Demonstranten und Dissidenten vorging. Als Kirchenfunktionär hat er bestenfalls taktiert, im schlimmsten Fall sich opportunistisch verhalten. Für die Stasi war er ein angenehmer Gesprächspartner. Sogar als „Begünstigter der Stasi“ darf er ungestraft bezeichnet werden. Gauck hatte weitaus weniger Mut als viele andere DDR-Oppositionelle, die für ihre Überzeugungen ins Gefängnis geworfen wurden. Das ist ihm nicht vorzuwerfen, aber man sollte ihn auch nicht zu einer moralischen Instanz erklären, die er nicht ist.

Von der bürgerlichen Presse wird der gegenwärtige Bundespräsident gerne als kritischer, unbequemer Geist stilisiert und vermutlich sieht er sich auch selber als solchen, aber trifft das wirklich zu? Zu allen großen politischen und gesellschaftlichen Fragestellungen vertritt Gauck Positionen, wie sie von den herrschenden Eliten vertreten werden. Er inszeniert sich gerne als Sprachrohr kritischer Bürger, aber im Grunde genommen ist er lediglich ein besserer Pressesprecher von Bundesregierung und Wirtschaftsverbänden. So kennt man es auch von der BILD-Zeitung und das ist sicher kein Zufall. Außer der Linkspartei muss keine relevante politische Kraft in diesem Lande damit rechnen, von Gauck attackiert zu werden.

Gleiches gilt für die Kritiker von TTIP und Ceta, überhaupt für alle, die es wagen, das vorherrschende neoliberale Paradigma zu kritisieren. Die Blockupie-Proteste hielt Gauck schlicht für „albern“. Gauck ist ein Freiheitsromantiker, der sich offensichtlich nicht vorstellen kann, dass Freihandel unter ungleichen Partnern, grenzenlose Deregulierung und Sozialabbau zu katastrophalen sozialen, politischen und ökonomischen Folgen führen.

Für Edward Snowden, der mit seinen Enthüllungen den NSA-Skandal in Rollen gebracht hatte, konnte er kein Verständnis aufbringen, da dieser die Machenschaften des Geheimdienstes nicht auf gesetzlich korrektem Wege öffentlich gemacht hätte. Als ob sich Menschen in Snowdens Situation bei ihren Handlungen auf Gesetze berufen können. Kein Geheimdienst lässt einen Mann wie Snowden ungestraft davon kommen. Gaucks Haltung in dieser Frage ist ein geistig-moralisches Armutszeugnis, dass seinen unkritischen und ideologisch verstellten Blick auf USA und NATO nur allzu deutlich belegt.

Ähnlich verhält es sich mit seiner Haltung zu Kampfeinsätzen der Bundeswehr. Gauck ist ein Bellizist, der offensiv für die strategische Neuausrichtung der bundesdeutschen Außenpolitik eintritt. Kriegseinsätze betrachtet er als legitimes Ziel zur Durchsetzung politischer Ziele des Westens. Mit Pazifismus kann er nichts anfangen. Eine Haltung, die im diametralen Gegensatz zur Haltung der beiden große Kirchen in Deutschland steht. Für Pfarrer Gauck offensichtlich kein Problem und für seine Anhänger sicher nur ein weiterer Beweis dafür, was für ein „kritischer“ Geist da in Schloss Bellevue residiert.

Andere Bürgerrechtler, die diese Bezeichnung wirklich verdienen, hätten in diesem Land keine Chance auf ein derart bedeutsames Amt. Entschiedener Antikommunismus, eine naive Sicht auf den Westen und den Kapitalismus, verbunden mit seiner ostdeutschen Herkunft machen Gauck zum idealen Präsidenten der westdeutschen Eliten.

Noch ein Wort zu Wulff, er würde heute wahrscheinlich fast Dasselbe sagen wie Gauck. Aber man würde ihn nicht als Bürgerrechtler bejubeln.

Joachim Gauck

Bundespräsident

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