Der Mangel an Freundschaft(en) und Freundlichkeit

Freundschaft: Lasst sie uns zunächst definieren. Ich habe gelernt, dass Freundschaft auf Vertrauen beruht und damit Freund*innen auch gleichzeitig Vertraute sind, mit denen mensch "durch dick und dünn" geht und sogar "Pferde stehlen kann" und die mir in der Not beistehen und mir versuchen zu helfen.

Etymologie von Freundschaft: Das Wort entstand im 8. Jh. aus mittelhochdeutsch: vriunt und althochdeutsch: friunt, aus germanisch: frijond mit Nähe zu "Verwandter" . [1]
Dies deutet darauf hin, dass Freundschaft zunächst innerhalb der früheren Großfamilie gepflegt wurde, Menschen mit denen freundlich umgegangen wurde und Freundschaft zu Fremden bzw. Nichtverwandten aus einer Art von Seelenverwandtschaft entstand.

Die bürgerliche Gesellschaft zerlegt jedoch nicht nur große Familienverbände und schaffte die bürgerliche Kleinfamilie, sondern macht auch aus Freundschaften bloße Nützlichkeitsbeziehungen. Schon im Kennenlernprozess von Menschen laufen diese Erwägungen nach dem Nutzen - zumeist unbewusst - ab und die Fragestellung heisst dabei; "Bringt mich das weiter, diese Person in meinen Freundeskreis aufzunehmen?" Und da mensch kaum Zeit hat, Freundschaften zu pflegen, wird ebenfalls akribisch darauf geachtet, ob die Person auch "pflegeleicht" ist, da mensch sich sonst besser nicht mit ihr abgibt. Die Redewendung "mit dem gebe ich mich gar nicht erst ab" zeigt auf, dass Kontakt und Umgang mit Menschen mit Abgabe, Verlust assoziiert wird. Und natürlich geht es dabei um Zeit bzw. das, was mensch mit seiner Zeit anfängt.

Der Neoliberalismus schafft ein großes "just-in-time-Mittelstandsprekariat" mit einer "Generation Praktikum", das dazu gezwungen ist, stets an der Optimierung der Arbeitsleistung mitzuwirken. Und so ist die spärliche Freizeit vieler der heutigen Zeitgenossen durch Fortbildungen und Fitness-Seminare okkupiert. Das bedeutet: die Zeitgenossen können die spärliche Freizeit gar nicht mehr genießen. Viele der "Startups", in denen jede Mitarbeiter*in Teil der Crew als neue Selbstständige ist, haben noch nie eine 38,5 Std. Woche kennengelernt und es wird Aufopferung für das neue Unternehmen verlangt. "Zeit ist Geld" ist die Devise und Zeit muss in die Absicherung der eigenen Existenz gesteckt werden.

Die Diktatur der Ware-Geld-Beziehung, die den Kapitalismus prägt, schafft gleichzeitig ein Heer von auf sich selbst bezogenen Egoisten. Diesem immanent ist auch die entfesselte Konkurrenz, die wiederum mehr Feindschaften denn Freundschaften kreiert. Wie, wo und wodurch kann da noch wirklich Freundschaft entstehen?

Freundschaft basiert auf Vertrauen. Und da selbst innerhalb eines Unternehmens gegeneinander konkurriert wird, um z.B. einen "Aufstiegsposten" zu ergattern bzw. in eine leitende Position zu kommen oder auch nur, um bei der nächsten Entlassungswelle "ungeschoren" davon zu kommen bzw. ein gutes Zeugnis zu bekommen, um auf dem Arbeitsmarkt Chancen zu haben, kann Freundschaft zumeist nur mit Menschen außerhalb der Arbeit Bestand haben. Doch außerhalb der Arbeit(szeit) ist kaum Zeit für echte Freundschaften. Doch erinnern wir uns an einen weiteren deutschen Spruch: "Bei Geld hört die Freundschaft auf". Die Diktatur der Ware-Geld-Beziehung unter der Devise "Zeit ist Geld" destruiert dementsprechend die Freundschaft.

In meinem Hausflur (es gibt im Eingangsbereich eine "Verschenk-Ecke"), fand ich kürzlich das Buch "Der Aufstieg des Geldes" von Niall Ferguson. Der Aufstieg des Geldes bedeutet gemäß des deutschen Sprichwortes der Abstieg der Freundschaft. Nun ja, das Buch handelt von Geschäften und dementsprechenden Geschäftsbeziehungen, Habgier, Eroberungen, (Raubmord-)Kriegen und Ausbeutung.

Doch eben deshalb entstand unter den Menschen die Sehnsucht nach Freundschaft und Solidarität ("Brüderlichkeit"; heute: Geschwisterlichkeit) und ist ausgedrückt in dem berühmten Gedicht von Friedrich Schiller "An die Freude". [2]

Hoffen wir, dass die heutigen Zeitgenossen des Prekariats bald das Fehlen von Freundschaft als spürbaren Verlust empfinden und sich eine Sehnsucht nach Freundschaft sowie das Begehr' nach Freundlichkeit und Solidarität jenseits der Nationalitäten unter ihnen ausbreitet und langfristig zu einem Bündnis und sozialer Bewegung zur Aufhebung der Diktatur der Ware-Geld-Beziehung führt.


[1] Siehe dazu: Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/An_die_Freude

Mobbing, Freunde, Freundschaft

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