Unsere Datenschutzrichtlinien haben sich geändert. Die aktuelle Version finden Sie hier

We have updated our privacy terms. Please review the current version here

Diese Website nutzt Cookies um Inhalte zu personalisieren, Zugriffe zu analysieren und Dir ein optimales Nutzungserlebnis zu ermöglichen. mehr erfahren

This website uses cookies to personalize contents, track site usage and ensure you get the best experience on our website. learn more

Der Papst und die Beamtin: Franziskus auf Abwegen

Die Geschichte von Kim Davis ist hierzulande nicht ganz so bekannt wie in den USA, aber dennoch relevant – vielleicht mehr noch, denn schließlich ist die so genannte „Homo-Ehe“ in Deutschland noch nicht legal. Eine kurze Zusammenfassung:

Am 26. Juni 2015 entschied der Supreme Court der USA in einem Grundsatzurteil, dass schwule und lesbische Paare nicht daran gehindert werden dürften, zu heiraten. Das Urteil legalisierte mit einem Paukenschlag und sofortiger Wirkung die gleichgeschlechtliche Ehe in allen US-Bundesstaaten. Das wiederum passte Vielen nicht, unter anderem Kim Davis, oberste Verwaltungsbeamtin von Rowan County, Kentucky.

Da ihr Büro zuständig war für die Ausstellung von Heiratslizenzen im County, entschied die aufrechte Christin, ihren Teil zu tun – und wies ihre Mitarbeiter_innen an, das Urteil zu missachten und keine Heiratslizenzen an gleichgeschlechtliche Paare auszustellen. Die Angelegenheit schaukelte sich zu einem Medienspektakel hoch, Davis wurde verklagt und wegen Missachtung eines Gerichts fünf Tage inhaftiert. Während dieser Zeit änderten ihre Angestellten ihre Meinung, oder fürchteten um ihren Job, denn in Davis‘ Abwesenheit stellten sie schließlich doch die fraglichen Lizenzen aus. Als Davis in ihr Büro zurückkehrte, machte sie keine Anstalten, diese Praxis zu verhindern.

Die Amis lieben Drama, sie lieben Showdowns und sie liebten es, bei CNN 24/7-Updates aus dem muffigen Verwaltungsbüro in Rowan County zu bekommen – und so ist Kim Davis mittlerweile bei einem Teil des Landes verhasst, für einen anderen Teil ist sie eine Heldin. Ihren Unterstützer_innen ist sie die letzte Bastion christlicher Anständigkeit, Kritiker_innen weisen darauf hin, dass sie nach ihrem „Gewissenskonflikt“ ihr Amt hätte niederlegen sollen, anstatt weiterhin ein Gehalt zu kassieren. Gefeuert werden kann sie nämlich nicht: Ähnlich wie bei Richtern und Sheriffs ist das Amt des „County Clerk“ ein Wahlamt, und erst im Januar 2015 hatte Davis eine vierjährige Amtszeit angetreten.

Davis selbst – übrigens zur Zeit zum vierten Mal verheiratet und damit ganz klar eine moralische Instanz in Sachen „Heiligkeit der Ehe“ – inszeniert sich und lässt sich inszenieren: Ihre rechtliche Vertretung ist die Kanzlei „Liberty Counsel“, die auf Listen von besonders LGBT-feindlichen „hate groups“ zu finden ist und seit ihrer Entstehung 1989 eine radikal christliche Agenda verfolgt. Davis ist momentaner Liebling der Tea Party und des rechten Randes der Republikaner – es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bevor sie, von Ghostwritern unterstützt, mit einem Buch-Deal Kapital aus ihrer Popularität schlägt.

Was hat das Ganze mit Papst Franziskus zu tun, dem allseits geliebten „Papst der Armen“, der so fortschrittliche, menschliche Positionen vertritt in Bezug auf die Bekämpfung von globaler Armut, Rechte von Flüchtlingen und Migranten oder Umweltschutz? Derselbe Papst ist allerdings auch ein strikter, unbeugsamer Gegner von Abtreibung und der gleichgeschlechtlichen Ehe – und obwohl ihm einige wenige Aussagen zugeschrieben werden, die zumindest als LGBT-tolerant gewertet werden können, ist von ihm, wie von allen Päpsten vor ihm, keine Revision der katholischen Doktrin zu erwarten, dass Homosexualität eine Sünde sei.

Beim jüngsten US-Besuch des Papstes wurde anscheinend beiden Seiten die Kompatibilität dieser Standpunkte klar – und so traf sich Papst Franziskus mit Kim Davis, sprach ihr Mut zu und bestärkte sie in ihrer Standhaftigkeit. Das könnte der Pontifex, der bisher fast nur gute News und Meinungen generierte, vielleicht noch bereuen, denn die gesellschaftliche Basis für die Vertretung solch rückständiger Positionen erodiert immer mehr – auch mit Papst-Bonus.

PS: Die „Homo-Ehe“ wird auch in der deutschen politischen Landschaft unter Umständen eines der brisanteren Themen der nächsten Monate werden – viele Teile der CSU/CSU und auch Angela Merkel sperren sich bisher gegen die längst überfällige Gleichstellung.

Kim Davis

http://www.nytimes.com/2015/09/30/us/county-clerk-kim-davis-who-denied-gay-couples-visited-pope.html?_r=0