Der Wunsch des Migranten nach der Heimat

Die Tage unterhielt ich mich mit einem Singhalesen – wohlgemerkt, nicht einem Tamilen – über den Phantasiestaat Tamil Eelam, den die tamilischen Rebellen der Liberation Tigers of Tamil Eelam in Sri Lanka schaffen wollten. Im Grunde ist das ja alles Vergangenheit. Die Tamil Tigers gibt es nicht mehr, ihr De-Facto-Staat im Norden von Sri Lanka ist von der Landkarte verschwunden, und damit ist das Thema eigentlich durch. Aber dennoch, für Tamilen auf der ganzen Welt ist Tamil Eelam weiterhin, trotz seiner Nicht-Existenz, eine mehr als virtuelle Realität, ein Traum, der wie ein heiliger Gral von Generation zu Generation überliefert wird.
Für Singhalesen, für die Mehrheitsbevölkerung in Sri Lanka stellen und die dreißig Jahre lang unter dem Terror der Tamil Tigers zu leiden hatten, ist Tamil Eelam ebenfalls noch Realität. Für sie gleicht die Vision des tamilischen Staates auf srilankischen Bodens einem Schreckgespenst, dem Monster, das unsichtbar, aber doch gewiss unter dem Bett wartet, um im geeigneten Moment zuzuschlagen. Das sind Wunden, die in langen Jahrzehnten geschlagen wurden, die im Gedächtnis der Völker verbleiben werden und die auch nie ganz verheilen werden. Man zeige einem überdurchschnittlich gebildeten und kultivierten Singhalesen ein Bild mit einer Fahne der Tamil Tigers, die ja auch als Nationalfahne ihres Staates Tamil Eelam diente, und er wird in Schnappatmung verfallen.
Mein Gesprächspartner gehörte in dieser Hinsicht zu der seltenen Spezies der aufgeklärten und westlich akkulturierten Singhalesen, denn er war durchaus in der Lage, die Thematik in Ruhe und Besonnenheit zu diskutieren. Mehr als das, er war sogar in der Lage, zu erklären, warum sich Tamilen in der Diaspora auf der ganzen Welt nach all der Zeit und angesichts der absoluten Niederlage weiterhin nach der unmöglichen Vision von Tamil Eelam sehnen. „Sie brauchen halt etwas, an dem sie sich aufrichten können,“ sagte er. „Jeder Migrant, der im Ausland wohnt, so lange er dort wohnt und so gut er sich integriert haben mag, hat irgendwann Phasen, wo ihn alles in seiner neuen Heimat ankotzt. Das weiß er, und von daher ist es immer eine schöne Gewissheit, dass es da ein Herkunftsland gibt, in das man zurückgehen kann, wenn alles den Bach runtergeht. Die Tamilen haben so etwas nicht.“
Mir fiel in diesem Zusammenhang direkt die Geschichte der Juden ein, die auch in den Jahrtausenden der Diaspora das Vertrauen bewahrten, man möge sich „nächstes Jahr in Jerusalem“ wiedersehen, obwohl das im Grunde bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts absolut illusorisch war. Erst mit der Gründung des Staates Israel wurde diese Sehnsucht gestellt, wurde ein Ort geschaffen, der Juden auf der ganzen Welt als Heimat dienen kann. Selbst wenn Juden weiterhin auf der ganzen Welt heimisch sind, haben sie nun einen Ort, an den sie jederzeit zurückkehren können – selbst wenn sie dort nie gelebt haben – falls einmal wieder die Pogrome losgehen. Die in Frankreich ansässigen Juden belegen ja bereits seit dem letzten Jahr, dass das auch praktisch anwendbar ist.
Mein Gesprächspartner bestätigte diese Parallele und führte aus, im Grunde gelte diese Annahme des Herkunftslandes als gedachtem Rückzugsraum für alle Migranten, selbst wenn sich diese dieser Tatsache nicht wirklich bewusst seien, und selbst wenn diese aus purer Not und unter abenteuerlichen Umständen aus ihrer Heimat entkommen seien. Sie gelte selbst dann wenn im Herkunftsland unmenschliche Zustände herrschten, denn dies müsse ja kein Dauerzustand sein. Diese Annahme gelte selbst dann, wenn der Migrant in seiner neuen Heimat vollständig integriert und wirtschaftlich abgesichert sei. Er selbst sei deutscher Staatsbürger, lebe in gesicherten Verhältnissen und denke nicht im Leben daran, außer im Urlaub jemals wieder nach Sri Lanka zurückzukehren. Im Gegenteil, er denke darüber nach, den verbleibenden Besitz in Sri Lanka zu verkaufen und danach im Grunde alle Brücken hinter sich abzubrechen. Aber dennoch sei es ein guter Gedanke, dass da immer noch die einstmalige Heimat sei, in die man jederzeit zurückkehren könne.
Im Grunde genommen ein interessanter und verstörender Gedanke, dies gerade auch für den deutschen Kiezbewohner, der sich im Grunde wunderbar inmitten seiner migrantischen Nachbarschaft aus türkischen Gemüsehändlern, italienischen Pizzabäckern und vietnamesischen Blumenverkäufern eingerichtet hat, ohne sich wirklich über den kulinarischen Bereich hinaus in die Geisteswelt seiner Nachbarn einfügen zu wollen. Migranten, die zu uns kommen, können und werden sich in der Mehrzahl der Fälle in Deutschland integrieren, wenn wir das zulassen, und sie werden uns auch kulturell bereichern. Bei alledem sollte man aber auch klar realisieren, dass sie nie ganz hier ankommen werden. Ein gedanklicher Rettungshaken fest in der Heimaterde wird immer verbleiben, und das bedingt eine kulturelle Gespaltenheit, die so nie und auch nach Generationen nicht zu beseitigen sein wird. Man sollte sich unter diesen Umständen als autochthoner Deutscher, der noch nie die Emigration aus Ausweg wählen musste, fragen, ob man weiß, wie gut es einem geht.

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