Der blutige Weg zum Frieden. Vom Krieg gegen den Terror und der Krise des Nahen Ostens

In seinem 2010 erschienen Buch „Der Untergang der Islamischen Welt. Eine Prognose“ stellte Hamed Abdel-Samad die These auf, dass die arabischen Staaten aufgrund ihres feudalistisch-reaktionären Kultur- und Gesellschaftsmodells nicht in der Lage seien, die sozio-kulturellen Herausforderungen, denen sie gegenüberstehen, zu meistern. Wird der gesamte Nahe Osten in Chaos und Gewalt versinken? Wird der gewaltige Flüchtlingsstrom Europa überrollen und den Kontinent ebenfalls ins Chaos stürzen? Oder noch schlimmer, wird die arabisch-islamische Welt sich hinter dem schwarzen Banner der IS vereinigen und zum Sturmangriff auf Europa ansetzen?

Angstphantasien wie diese lassen viele Europäer zu der Auffassung kommen, man müsste jetzt mit allen militärischen Mitteln den IS bekämpfen und dessen Gegner aufrüsten. Die Anschläge von Paris haben diese Ängste noch verstärkt. Zumindest kann diesen Ängsten entgegen gehalten werden, dass die regionalen Herrscher den Machtanspruch des neuen „Kalifen“ al Baghdadi sich nicht akzeptieren werden. Selbst andere islamistischen Rebellengruppen bekämpfen gegen das „Kalifat“. Im Moment handelt es sich beim IS noch um eine – allerdings sehr gut organisierte – Organisation von politischen Hasadeuren, die von der Zerstrittenheit und inneren Schwäche ihrer Gegner profitieren. Sie sind Einäugige unter Blinden.

Der IS erntet, was der Westen, aber auch die einstige UdSSR und das heutige Russland über Jahrzehnte im Nahen Osten durch die Installierung und Unterstützung korrupter und diktatorischer Regime gesät haben. Man sollte nicht vergessen, dass Assad noch vor wenigen Jahren im Kampf gegen den Terrorismus ein enger Verbündeter war, der im westlichen Auftrag Terrorverdächtige foltern ließ und problemlos Waffen und Ausrüstung für seinen Unterdrückungsapparat aus dem Westen beziehen konnte. Dass der militante Islamismus in den 80er Jahren vom Westen als Waffe gegen den Kommunismus mit hochgezüchtet wurde, ist mittlerweile ebenfalls bekannt.

Nur infolge der US-Invasion im Irak konnten sich die Islamisten im Zweistromland überhaupt festsetzen und die brutale Unterdrückung der Sunniten unter der Regierung Al-Maliki für ihre Zwecke instrumentalisieren. Sie sind aber auch so stark, weil sie jede Menge westliche Waffen hat, die aus ähnlichen Gründen, wie sie jetzt von allen Seiten vorgetragen werden, in den Irak geliefert worden sind. Soviel auch zum Thema Waffenlieferungen in den Nahen Osten.

Es herrscht im Nahen Osten kein Mangel an Waffen, sondern ein eklatanter Mangel an Verantwortungsbewusstsein in der herrschenden politischen und ökonomischen Klasse. Diese hat die ganze Region dermaßen heruntergewirtschaftet, dass diese nun nacheinander kollabieren, mit allen dazu gehörigen Folgen. Hier sind Prozesse ins Rollen gekommen sind, die von außen nicht mehr gesteuert werden können.

Ein Ölboykott könnte Druck ausüben, aber das ist eine unrealistische Option. Die moderne Welt ist noch immer vom schwarzen Gold abhängig. Sogar der IS kann sich durch Ölverkäufe finanzieren. Mag das Blut im Nahen Osten noch so sehr fließen, der Fluss der Öls bleibt davon beinahe unberührt.

Die Lieferung von Waffen in die Region und verstärktes militärisches Engagement mögen den Vormarsch des IS stoppen und kurzfristig die Situation im Nahen Osten entschärfen. Für Überwindung der Gewalt in der Region aber müssen die dortigen gesellschaftlichen Kräfte eine gemeinsame Lösung finden. Ohne die Lösung der gewaltigen sozialen Probleme in den Ländern der arabisch-islamischen Welt wird der Islamismus kaum zu überwinden sein. Ebenso sind entschiedene Sanktionen gegen Saudi-Arabien, Katar sowie gegen Stiftungen, Unternehmen und Personen notwendig, von denen die islamistischen Gruppen ideologisch, logistisch und finanziell unterstützt werden. Aber da es sich um die engsten Verbündete der westlichen Welt handelt, dürften derartige Schritte wohl eine Illusion bleiben.

Jahrzehntelange haben westliche und östliche Großmächte mit vermeintlich hehren Ziele weltweit militärisch und wirtschaftlich interveniert. Meist nur zu ihrem eigenen Vorteil und auf Kosten der betroffenen Länder. Die gegenwärtigen Konflikte im Nahen Osten aber zeigen, dass diese Epoche zu Ende geht. In einem komplexen Konfliktfeld, wo sich kulturell-religiöse und sozial-ökonomisch-politische Intentionen, Konflikte und Konstellationen zu einem scheinbar unentwirrbaren Knäuel verknotet haben, sind neue Lösungsansätze gefragt, die den Interessen aller Beteiligten, vor allem der dortigen Bevölkerung gerecht werden. Die postkoloniale Ära ökonomischer und militärischer Dominanz des Westens neigt sich ihrem Ende zu.

Die Anschläge von Paris sind eine ernste Mahnung an die westliche Staatenwelt. Jahrzehntelang blieb Europa und der Westen von den Verwerfungen, die die postkoloniale Politik in der dritten Welt auslöste, weitgehend verschont. Der globale Krieg der Islamisten und die Flüchtlingsströme nach Europa sind klare Anzeichen, dass diese Ära einseitigen Nutzniesens der Globalisierung vorbei ist. Gleiches gilt auch für China und Russland. Ohne eine Neuausrichtung der sozioökonomischen und politischen Machtbalance zugunsten der Länder in der dritten Welt, werden die gegenwärtigen Krisen dort nicht zu lösen sein.

Gleichzeitig müssen die Länder des Nahen Ostens endlich mit den autoritär-tradionalistischen Gesellschaftsstrukturen und Kulturmodellen brechen, die die dortige Region prägen. Eine offene Auseinandersetzung über das Verhältnis von Staat und Religion, ebenso wie die kritische Auseinandersetzung mit der islamischen Überlieferung sind ebenso wie politische und sozioökonomische Veränderungen notwendig.

Der arabische Frühling hat diesen Prozess in Gang gesetzt. Ein Ende ist noch lange nicht in Sicht.

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