Der falsche Begriff für ein richtiges Anliegen: Abdel-Samad und sein islamischer Faschismus"

Der Hauptvorwurf, den man Abdel-Samad in Bezug auf seinen Terminus machen muss, ist dass er einen falschen, aufmerksamkeitsheischenden Begriff gewählt hat. Er war ehrlich genug, das zuzugeben. Was er erreichen will, ist dass sich die islamischen Welt mit den autoritären, gewaltbejahenden Elementen des Islams kritisch auseindersetzt. Dieses ziel ist richtig und legitim. Samak kritisiert durchaus nicht nur den Islam. Er vertritt - ähnlich wie Jan Assmann und Philippe Buc - die These, dass der Monotheismus generell eine totalitäre Seite aufweist. Nur hätten in Christentum und Judentum infolge von Aufklärung, Säkularisierung und gesellschaftliche Modernisierung, eine intensive Auseinandersetzung mit dieser totalitären Seite stattgefunden. In der islamischen Welt sei diese Diskussion hingegen erst am Anfang. Weder verurteilt er Muslime insgesamt noch sagt er, dass der Islam insgesamt faschistisch sei. Daher ist es falsch, ihm "anti-muslimischen Rassismus" vorzuwerfen. Den Begriff "Islamofaschismus" benutzt er übrigens nicht.

Samad diskrimiert m. E. nicht die Muslime, sondern autoritär-feudalistisches und auch patriachalisches Denken in der arabisch- islamischen Welt, für das er das dortige Islam-Verständnis als bedeutende Ursache ausmacht. Man kann seine Methoden kritisieren, ihn aber als "islamophob" darzustellen, weil er sich für einen aufgeklärten Islam und die Säkularisierung der islamisch geprägten Gesellschaften einsetzt, finde ich sehr fragwürdig. Ohnehin sollte man Begriffe wie "Islamkritik/ Islamophobie" besser nicht verwenden, weil es möglich sein muss, sich gegen den Islam öffentlich zu positionieren. Es käme auch niemand auf die Idee, "Christentumskritik" öffentlich zu brandmarken. Muslimfeindlichkeit ist entschieden abzulehnen, weil sie sich gegen Menschen richtet. Religionskritik, und sei sie auch polemisch und einseitig, muss möglich sein. Sonst müsste man bald 90 % aller Metal-Scheiben indizieren oder komplett verbieten.

Der Faschismus-Begriff führt thematisch in eine völlig andere Richtung und hat zur Folge, dass sich der Diskurs häufig an der Oberfläche bewegt bzw. in weitere Polemiken ausartet. Das zeigt nur umso mehr, dass Abdel-Samads Begriffswahl nicht sehr glücklich war. Aber er dringt mit seiner Polemik immerhin auch in den öffentlichen islamischen Diskurs vor und entfacht eine Diskussion über das Verhältnis des Islam zu Gewalt und autoritärem Denken auch in der islamischen Welt. Seine Thesen sind daher auch kein "Humbug", auch wenn seine Begriffswahl und seine Faschismus-Definition mehr Fragen aufwerfen, als sie beantworten.

Samad wendet sich besonders gegen jene, die behaupten, jede Art von Gewalt, die im Namen des Islam begangen wird, habe nichts mit "dem Islam" zu tun und auch nicht aus islamischen Schriften ableitbar. Solche Behauptungen sind jedoch reine Apologetik und nicht weniger falsch wie die Aussage , der Islam sei eine "faschistische" Religion (was Samad nicht getan hat).

Die Islamisten der 20er Jahre waren sicherlich in erster Linie von Mussolini fasziniert, da Hitler zu dieser kaum bekannt war. Sicher gewann er in den 30er Jahren spätestens ab 1933 auch in der islamischen Welt an Popularität. Der Antisemitismus ist in der Tat ein unseliger Exportartikel Europas in die islamische Welt. Ob das Image Israels und der Juden in der islamischen Welt insgesamt aber ohne diesen Einfluss heute besser wäre, sei mal dahingestellt.

Um wieder zum Verhältnis von Religion und Gewalt zurückzukommen. Liest man sich Statements von Religionsgelehrten durch, gibt es generell, nicht nur bei Muslimen, die Tendenz zu sagen, Religion habe nichts mit Gewalt zu tun. Gerne versichern sie sich auch untereinander, wie friedlich doch alle Religionen seien. Gewalt im Namen der Religion sei mithin "Missbrauch" von politischer Seite. Mit solchen Äußerungen weicht man aber dem Problem aus. Wenn sich aus religiösen Schriften Gewalt ableiten lässt, wenn anerkannte religiöse Instutionen und Experten im Namen ihrer Religion zur Gewalt aufrufen und diese legitimieren, dann hat diese Religion ein Gewalt-Problem. Und damit meine ich keineswegs nur den Islam.

Islamkritik

Hamed Abdel-Samad