Er hat den schwersten Job der Welt

Der schwerste Job der Welt ist - neben dem des Bundestrainers - wohl der eines Fussballkommentators im deutschen Fernsehen. Bei keiner anderen Tätigkeit ist die Gefahr so groß, dass man sich Woche für Woche vor Millionen von Leuten völlig um Kopf und Kragen redet. Besonders bei Bundesligaspielen, kann man es als Kommentator nie allen recht machen. Das bringt die Rivalität im Fussball so mit sich. Besonders schwer hat es dabei in den letzten Jahren Deutschlands berühmtester Sportkommentator Marcel Reif gehabt. Was musste er nicht alles an Hass und Kritik über sich ergehen lassen: Zehntausende Follower auf Facebook und Twitter fordern seit Monaten beharrlich ein Kommentarverbot für das 66-jährige Urgestein; Das ganze begleitet von Sprüchen, die nicht selten knallhart unter die Gürtellinie gehen (Noch eines der harmloseren Beispiele: ”Sogar den Weltfrieden könnte Marcel Reif kaputt kommentieren”). Anfang 2015 bewarfen wütende Fans ihn sogar mit Bierbechern und attackierten nach einem Spiel sein Auto.

Auch wenn ich selbst nie ein Fan von Reif war, geht so etwas natürlich eindeutig zu weit. Jedoch musste auch ich in mehr als nur einem Spiel auf den Stadionton umschalten, weil ich seine Kommentare nicht mehr ertragen konnte. Viele werfen ihm ja vor, parteiisch für seinen angeblichen “Lieblingsverein” FC Bayern München zu kommentieren. ich glaube diesbezüglich eher, dass Reif sich im Spiel oft auf die Seite des Vereins schlägt, der den besseren Fussball spielt. Da führt an den Bayern ja leider selten ein Weg vorbei. Es tut der Fanseele aber tatsächlich weh, wenn der eigene Lieblingsverein grade zünftig von den Bayern zerlegt wird und der eigentlich neutrale Zeremonienmeister diese Demütigung dann auch noch extatisch feiert oder abfällig kommentiert (“Noch nie waren so viele Leute bei einem Trainingsspiel des FC Bayern”). So macht man sich bei bestimmten Fanlagern natürlich nicht gerade besonders beliebt. Ein anschauliches Beispiel bietet das DFB Pokal-Halbfinale 2015 (Siehe Video), bei dem Reif die verschossenen Elfmeter der Bayern so kommentiert, als würde Deutschland gerade wieder gegen Bulgarien aus der WM-Endrunde fliegen. Stattdessen hätte er sich auch einfach für die siegreichen Dortmunder freuen können. Doch Bayern war über 120 Minuten das bessere Team, was vermutlich die Reaktion von Herrn Reif erklärt.

Parteiisch oder nicht, meiner Meinung nach ist Marcel Reif einfach einige Jahre über seinen Zenit hinaus. Mit seiner gelangweilten Art macht er mir zu oft die Stimmung beim Fussball gucken kaputt. In vielen Spielen sagt er minutenlang gar nichts. Selbst bei einem Tor kann man sich schon glücklich schätzen, wenn ihm ein mäßig begeistertes “und da isses” über die Lippen kommt. Dass er ständig Spielernamen verwechselt (was übrigens ein gutes Trinkspiel hergibt: Für jeden falschen oder falsch ausgesprochenen Namen gibt es einen Kurzen) oder grandiose Feststellungen wie “Der Fehlpass war nicht gut” zum Besten gibt, sorgt dann auch nur kurzzeitig für Erheiterung.

Letzte Woche hat Reif nun angekündigt, dass er nach der laufenden Saison nicht mehr bei Sky kommentieren wird. Ob ihm der ewige Shitstorm doch an die Nieren gegangen ist, oder er sich, wie er sagt “neuen Herausforderungen und Projekten” widmet, sei dahingestellt. Ich bin mir aber sicher, dass er dem Fussball treu bleiben wird und uns vielleicht als Moderator, in jedem Fall aber als regelmässiger Studiogast in zahlreichen Sportsendungen erhalten bleibt. Meiner Meinung nach tut er sich selbst mit seiner Entscheidung einen großen Gefallen, denn als Entertainer hat er zweifellos gute Qualitäten (seine Moderation des “torlosen” Champtionsleague-Halbfinales 1998 in Madrid ist ohne Frage legendär) und muss bei einer entsprechenden Tätigkeit mit Sicherheit weniger Kritik einstecken. Wo auch immer ihn sein Weg hinführen wird, eines ist sicher: Einen schwereren und undankbareren Job als zuvor kann er sich definitiv nicht aussuchen. Es sei denn - Gott bewahre! - er bewirbt sich für das Amt des Bundestrainers. Für die ein oder andere “brilliante” taktische Anweisung ist er ja alle mal zu haben (“Ricken, lupfen jetzt!”).

In diesem Sinne… ;)

Marcel Reif hört auf

https://www.youtube.com/watch?v=CfL5RfZ0Tl0