Deutsche sind ärmer als die Flüchtlinge?

Statistik, und was man daraus machen kann, ist ja mein Lieblingsthema. Mich hat immer schon gewundert, dass wir in Deutschland anscheinend immer wohlhabender werden und gleichzeitig immer mehr Menschen in die Armut rutschen. Das ist statistisch belegt.

Das Rekordhoch bei der Beschäftigung passt nicht dazu, die angestiegenen mittleren Einkommen auch nicht. Die sinkende Zahl der Hartz-IV-Empfänger spricht dagegen, wie der seit Jahren stabile Gleichheitsindikator (Gini-Koeffizient) bei verfügbaren Einkommen, also nach der Umverteilung durch Steuern, Abgaben und Transferleistungen.

Absolute Armut ist etwas Schreckliches. Wir sehen in den Medien jeden Tag die Bilder von siechenden Menschen in Afrika oder woanders in der Welt. Die Weltbank spricht von absoluter Armut, wenn man über weniger als 1,25 US$ als tägliches Einkommen verfügt. Entsprechend dieser Definition ist in Deutschland im Vergleich zum Rest der Welt wohl fast niemand wirklich arm. Doch wird die Armut mit diesen gängigen Ansatz nur unzureichend erfasst.

Darum wird in Deutschland die "relative Armut“ berechnet, relativ im Verhältnis zum Wohlstand der Bevölkerung des Landes. Dabei wird das mittlere Einkommen der Bevölkerung (der Median) zugrunde gelegt. Demnach gilt als arm, wer monatlich weniger als 60 Prozent des nationalen Mittelwerts verdient. In Deutschland sind das ca. 930 Euro bei einem Single. Aber da beginnt schon das Problem: Diese 60% sind ziemlich willkürlich festgesetzt.

"Deutschland wird immer ärmer". Diesen Eindruck muss die Öffentlichkeit gewinnen, wenn man den Medien folgt. Viele geben die Zahlen des Armutsberichtes des statistischen Bundesamtes unreflektiert wieder, wie übrigens auch die meisten Politiker. Dieser Ansatz ist sehr irreführend.

Auch Andrea Nahles (bekanntlich SPD, insofern unverdächtig) ärgert sich über einen Bericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, wonach "Die Armut in Deutschland nicht nur ein neuerliches trauriges Rekordhoch erreicht hat, auch ist Deutschland dabei, regional regelrecht auseinander zu fallen." Deutschland sei, "was seinen Wohlstand und seine Armut anbelangt, mittlerweile ein tief zerklüftetes Land." Glaubt man den Ergebnissen dieser Rechnung, ist das Leben in Deutschland ein Jammertal, und das Land driftet jedes Jahr näher an den sozialen Kollaps.

Aber: die sozialen Fortschritte werden von dieser Definition der relativen Armut kaum erfasst. Soll er wohl auch nicht, denn solange Armut statistisch dargestellt werden kann, gibt es eine Legitimation für den Ausbau des Sozialstaats.

Ein Gedankenspiel: nehmen wir an, der Wohlstand in unserem Land würde explodieren. Stiege z.B. das mittlere Einkommen bei unveränderter Kaufkraft auf 10.000 € monatlich, so wäre man arm, wenn man weniger als 6.000 € verdient. Das Ausmaß an Armut bliebe nach der 60%-Definition gleich.

Oder realistischer: verhandeln die Gewerkschaften in einem guten Jahr mehr Lohn aus, so würden nach der 60-Prozent-Formel wieder mehr Menschen, die nicht davon profitieren, trotz gleichem Einkommen in die Armut gestürzt. So erreicht die Armut wieder ein neues Rekordniveau.

Umgekehrt steigt die Armut statistisch nicht, wenn es allen schlechter geht. Zum Beispiel in Griechenland erhöhte sich die Armut in der Krise statistisch kaum, weil der Schwellenwert in der Krise für alle kräftig sank.

Realität ist: In den Jahren zwischen 2005 und 2010 ist in Deutschland das monatliche Median-Einkommen eines Haushalts mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern von 2.575 € auf 2.892 € gestiegen. Demnach gilt 2010 eine 4-köpfige Familie als arm, wenn sie weniger als 1.735 €, verdient. Fünf Jahre zuvor war sie mit 1.546 € nicht arm.

Die Quote der Armen verringerte sich jedoch im gleichen Zeitraum kaum: von 14,7 Prozent auf 14,5 Prozent. Im Grunde hatten alle Haushalte im gleichen Maße vom Aufschwung profitiert.

Eine weitere Schwäche bei der Berechnung: es wird nur das Einkommen zugrunde gelegt, das Vermögen bleibt außen vor. So ermittelte das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln, dass jeder sechste einkommensarme Erwachsene Vermögen in Form von Aktien, Sparbüchern oder Immobilien besitzt, von denen er mindestens zehn Jahre leben könne. Der Armutsforscher des IW, Christoph Schröder, stellt fest "Wer ein geringes Einkommen hat, muss nicht unbedingt arm sein, wenn er gut mit seinem Geld umgehen kann, über soziale Kontakte oder auch eigenes Vermögen verfügt“.

Niemand bestreitet, dass es Armut in Deutschland gibt, aber durch eine Statistik, die immer mehr Menschen mit geringem Einkommen als arm einstuft, entsteht im Bewusstsein der Bevölkerung eine „gefühlte Armut“. Die These des beständig wachsenden Notstands hat in der Bundesrepublik eine große Fangemeinde. Das führt dazu, dass man immer häufiger auch von weniger armen Bürgern Sätze hört wie ”Deutschland kann nicht so viele Flüchtlinge aufnehmen, wir haben selber so viele arme Menschen“. Aber in Deutschland ist niemand so arm wie die meisten Flüchtlinge. Niemand muss hungern, frieren oder hat sein ganzes Hab und Gut verloren oder muss gar um sein Leben fürchten.

Andererseits wird durch diese gefühlte Armut eine Aggression gegen Reiche geschürt. Daraus entsteht - insbesondere in Deutschland - eine Neid-Debatte. Viele Menschen sind zwar nicht wirklich arm, und kommen (durch gutes Haushalten) ganz gut über die Runden. Sie können es aber nicht ertragen, dass es reiche Leute gibt, die sich anscheinend alles leisten können.

Mit dieser Statistik könnte man auch belegen: Freuen wir uns über jeden millionenschweren Fussballer oder Steuerflüchtling, der ins Ausland geht. Am besten, wir jagen die Reichen aus dem Lande. Dann würde das mittlere Einkommen sinken und damit auch die 60%-Armuts-Schwelle. Viele eben noch arme Schlucker hätten dann zwar nicht mehr in der Tasche, aber sie wären wie durch Zauberhand nicht mehr arm. Das wäre doch die Lösung zur Bekämpfung der Armut (statistisch betrachtet), oder?

Armut

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