Die Ewigkeit ist auch kein Trost

Die erste Erschütterung meines vom christlichen Glauben lose geprägten Weltbilds hatte ich so mit 16 oder 17 Jahren. Bis dahin war die Vorstellung von einem ewigen komfortablen Dasein nach dem irdischen eine recht tröstliche wie angenehme. Und dann plötzlich der Bruch. Von einem Tag auf den anderen kam ich mit dem Konzept von Ewigkeit nicht mehr klar.

Irgendwie ahnte etwas in mir, einhergehend wohl mit der erwachenden Erkenntnis, dass im Leben nie etwas bleibt wie es ist, dass das Sterben sozusagen ein fester und ständiger Bestandteil und Begleiter von allem ist. Man entkommt ihm ja auch zu Lebzeiten schon nicht. Es sterben ja nicht nur Lebewesen durch Herzstillstand. Es sterben fortwährend Ideen, Emotionen, Lebenskonzepte, Lebensabschnitte, und so weiter. Nichts bleibt wie es ist. Liebe erkaltet und stirbt. Alles nutzt sich ab und verschwindet irgendwann. Ich glaube heute, dass es eine erste Ahnung um diese Lektion des Lebens war, die mir plötzlich den Gedanken ewig irgendwo zu existieren geradezu unerträglich machte.

Immer der gleiche Ort. Immer die gleichen Gesichter. Wie lange kann man die ertragen, bevor man anfängt sie zu hassen? 1000 Jahre? 100.000 Jahre? 10 hoch 33 Jahre...? Ich spürte wahrscheinlich instinktiv, dass alles Schöne vor der Ewigkeit keinen Bestand haben kann und sich irgendwann in das Gegenteil verkehren muss. Nimm deinen Lieblingssong und höre ihn dir vier Wochen lang nonstop an. Und vier Wochen haben mit einer Ewigkeit noch nicht wirklich viel zu tun.

Aber Spaß beiseite. Ich finde Ewigkeit auch heute noch furchteinflößend. Klar kann ich versuchen mich vom Zeitbegriff zu lösen oder eine Form von Demenz in das Konzept des Ewigen einzubauen. Ein kurzer Trost damals zum Beispiel war, dass ich mir vorstellte ein Tag im Jenseits dauere ein Jahr, dann legt man sich an den paradiesischen Strand, schläft ein und wacht ohne Erinnerung wieder auf. Alle Zähler wieder auf Null. Jeder neue Tag im Paradies wäre dann wie der erste. Eigentlich wundervoll. Funktionierte damals eine Weile. Heute finde ich das auch absurd.

Und so seltsam das klingt, so rein auf gefühlsmäßiger Ebene ist es für mich das unvorhergesehene drohende Ende, das den Dingen erst Bedeutung verleiht. Verlust durch Trennung kann es übrigens genauso sein. Wie heißt es so schön in irgendeiner Schlagerschnulze? Abschied ist ein wenig wie Sterben? Ohne die potentielle Gefahr des Verlusts von etwas verliert dieses Etwas sein Gesicht. Es wird egal.

Seit geraumer Zeit bin ich auf einem gänzlich anderen Trichter. Wie ein Vampir sehne ich mich nach der Endlichkeit von allem. Sie alleine verspricht Rettung. Die Vorstellung mit meinen Lieben in die Ewigkeit zu müssen ist gruselig. Mir aber mein Leben wie ein Buch vorzustellen, mit hoffentlich vielen Kapiteln, und vor allem einem letzten Kapitel, das hat etwas seltsam Tröstliches und Entspannendes. Irgendwann wird dieses Buch geschrieben sein, mit allem darin, das mir lieb und teuer ist und war. Dann wird das Schicksal es zuschlagen und das was war wird unabänderlich eine Anekdote im womöglich ewigen Lauf der Dinge bleiben. Es kann nicht mehr geraubt und zerstört werden durch den Dämon Zeit. Man geht mit den Seinen in die Oase des Todes, sicher für immer, weil immun gegen das Immer.

Aber vielleicht ist es auch ein Fehler mit einem vergänglichen Gehirn über so etwas nachzudenken? Wenn ich nun schon immer an einem schönen Ort gewesen wäre, würde ich dann auch solche Gedanken hegen? Kinder befinden sich ein bisschen in so einer Welt. An einen Anfang können sie sich nicht erinnern und sie denken wohl auch, dass ihr momentanes Leben immer so weitergehen wird. Ohne erwachsen zu werden würden sie es wohl auch nie hinterfragen, oder? Na wer weiß.

Jedenfalls liegt im Tod etwas Beruhigendes. Er macht dieses Leben zwar endlich, aber dafür auch unendlich. Unendlich bedeutsam. Am Schluss schraubt er den Deckel drauf und was war ist dann für immer in Sicherheit. Das nützt dir dann zwar nichts mehr, aber zu Lebzeiten bedeutet es quasi rückwirkend irgendwie alles. Finde ich.

Grübeln, Sinnieren und Tagträumen...

https://youtu.be/6yQzw_1Iflo