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Die Gespenster von Berlin.

Es frustriert mich furchtbar, dass es im deutschen Sprachraum keine lässige Gespenster-Kultur gibt, und auch keine Bücher darüber. Dabei ist unsere Geschichte ja reichhaltigst mit urbanen Legenden gesegnet, bloß wird darüber noch heute hauptsächlich hinter vorgehaltener Hand geredet. In Amerika, da ist das ganz anders: Unzählige Geisterjäger oder gleich ganze Teams forschen da in alten Gemäuern nach der Existenz des Andersweltlichen, schreiben erfolgreiche Bücher und haben ihre eigenen Fernsehshows. Und die Engländer, denen geht es da sowieso bestens, bei denen hat jedes Herrenhaus quasi seinen Privatgeist. Nur bei uns, da erfährt man von der Oma vielleicht nach sehr zähem Nachfragen, dass der verstorbene Opa sie einmal besuchen gekommen ist und ihr erzählt hat, dass er jetzt beim Herrn Jesus und den Engeln ist, und dass sie sich keine Sorgen machen braucht. Sowas bleibt aber total privat und schon gar nicht sammelt jemand solche Geschichten und schreibt darüber, da würde man sich ja total lächerlich machen. Seit vielen Jahren lese ich also englischsprachige Literatur zum Thema und ärgere mich über über vereinzelte Klöpse wie das furchtbare Buch “Die Geister, die mich riefen: Deutschlands bekanntester Spukforscher erzählt” von “Deutschlands Experten Nummer eins zu den Themen Hellsehen, Esoterik und Spuk” Walter von Lucadou. Der mir bis dato unbekannte Herr leitet eine “staatlich geförderte Parapsychologische Beratungsstelle in Freiburg” und erzählt gleich im Vorwort, dass er sich die Spukgeschichten von den Menschen, die ihn kontaktieren, eh bloß durchliest oder am Telefon anhört, um ihnen das Gefühl zu geben, da sei jemand, der sie ernst nimmt. Zu Begehungen der Orte, wo es angeblich spuken soll, lässt sich der studierte Physiker nicht herab, denn “da würde man ja sowieso nichts Neues erfahren”. Hä? Vergessen wir also den gemütlichen Onkel mit dem grauen Bart so schnell wie möglich wieder und freuen wir uns über einen ganz außergewöhnlichen Tatsachenbericht der Schriftstellerin Sarah Khan mit dem Titel “Die Gespenster von Berlin”. Das Schöne daran gleich vorneweg: Sarah Khan ist weder Skeptikerin noch “Gläubige”, dafür aber ein sehr offener Mensch mit einer wunderbaren Fantasie und einem scharfen Blick. Sie erzählt von Geistergeschichten, die in ihrem Berliner Umfeld an sie herangetragen wurden und denen sie dann, meistens nur mit ihrem Notizblock ausgestattet, auf den Grund gegangen ist. Man darf sich hier natürlich keine Gruselstorys im klassischen Sinn erwarten; Khan besichtigt Wohnungen oder Häuser, die das Unglück quasi magisch anziehen und in denen kaum einer lange wohnen bleiben mag. Zum Fürchten braucht es da auch keine weiße Frau im Nachthemd, die jeweils um Mitternacht gruslige Seufzer ausstößt, denn Frau Khan hakt bei interessanten Aspekten der erzählten Geschichten ein, forscht nach und fördert oftmals entsetzlich traurige oder schmerzvolle Begebenheiten aus der Vergangenheit Berlins zutage, deren Echo zu Recht wie eine dunkle Wolke über solchen Orten hängt. Mit der grauenhaften Endschlacht im Jahr 1945, der Teilung der Stadt und den furchtsamen Jahren des kalten Kriegs hat Berlin ja an mehr als genug “Leichen” in verschütteten Bombentrichtern, versperrten, lichtlosen Kellern und auch in seelenlosen Plattenbauten zu tragen. Und weil Sarah Khan eine Literatin ist, darf sie sich auch jede Freiheit zur “Lösung” eines Falls nehmen, ohne auf irgendwelche dogmatischen Paradigmen der Religion oder Wissenschaft Rücksicht nehmen zu müssen. Stattdessen sind ihre Gedankengänge zu unheimlichen Erlebnissen eine grandiose Aufforderung daran, die eigene Phantasie spielen zu lassen und damit den Geistern der Vergangenheit ihren eigenen, märchenhaften Raum zu schaffen. Und genau das ist vermutlich die Form von Heilung, die alte Wunden so dringend benötigen. In diesem Sinne ist Sarah Khan auch die beste “Geisterjägerin”, die ich mir vorstellen kann.

Geister

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