Die Hölle, das sind wir!

Menschliche Seelenlandschaften sind komplexe Angelegenheiten. Da gibt es Berge und Täler, Sumpfregionen mit der einen oder anderen Leiche, die man aus dem sprichwörtlichen Keller vielleicht dort abgelegt, oder von dort in den Keller geholt hat; vermeintlich großzügig angelegte Weiher, die aber nicht mit Untiefen geizen, oder bodenlose Pfützen. Und treffen solche Seelenlandschaften dann aufeinander, kann es mitunter interessant werden. Auch anstrengend. Manchmal sehr schön. Oder zermürbend. Ich möchte mal meinen gestrigen Abend ein wenig verarbeiten hier, im Club der Whicee-Neurotiker, den ich hiermit feierlich eröffne! Es muss sein, weil es mir ja häufig so ergeht.

Ich bin ein eher schüchterner Zeitgenosse und eigentlich hasse ich nichts mehr, als Zusammenkünfte fremder oder quasi fremder Menschen, zu denen ich mich alleine aufmachen muss, da keiner meiner Freunde Zeit, Lust oder Muse hat. Ein begleitender Freund ist bei sowas ja immer sehr nützlich, weil dann hat man sofort eine eigene kleine Basis mit der man interagiert und man kann von dort aus schließlich gelassen den Ineraktionsradius ausweiten. Man ist wer. Alleine ist man auch wer, aber es fehlt einem ein bisschen das sichere Fundament und man fällt beim Scheitern im sozialen Ping Pong nur auf den eigenen Hintern, kann nicht sofort auf die Homebase ausweichen, wo der Kumpel schon mit dem goldenen Schraubenzieher wartet, um die eventuell gelockerten Gesichtsschrauben gleich wieder festzuziehen. Alleine ist man dann sehr vorsichtig und wägt jede weitere Handlung auf mögliche Gefährdungen des Selbst ab. Ich sollte vielleicht nicht "man" schreiben. Es gibt ja auch Rampensäue, die scheinbar einen Stahlbetonpanzer um sich haben und durch die versammelten Seelenlandschaften rollen wie Kriegsmaschinerie. Aber ich bin nicht so. Und es sind es die meisten nicht. Doch als fremder "Alleinling" hat man da meist die schönste Arschkarte von allen. Ich werde im Weiteren trotzdem beim "Man" bleiben, meine aber Meinesgleichen.

Man fängt vielleicht an, sich seltsam zu verhalten in den Augen anderer. Man macht und sagt komische Sachen, weil der Modus absoluter Vorsicht zum Selbstschutz nicht gut harmoniert mit dem eng reglementierten Spiel des vorgeblich ungezwungenen Miteinanders. Die Empfindlichkeiten sind auf der Bühne des Lebens bei jedem in der Regel recht groß. Ein falsches Wort, eine missverständliche Geste und man kann es unter Umständen schon Knarzen hören im Gebälk der Gemeinschaft.

Alkohol ist da eine Lösung. Keine Optimale, Sie haben ja Recht, Frau Dr. Antje-Katrin Kühnemann, aber in der Not säuft der Teufel eben Bier. So mache ich es meistens. Ich schlage auf, mein Gehirn stuft die Situation als potentiell bedrohlich ein und mein inneres Navi führt mich schnurstracks auf dem direkten Wege hin zum Tresen. Da man ja eh weggeht, um auch etwas zu trinken, trifft sich das gut. Alkohol dimmt dann ein wenig den Gefahrenidentifikations-Mechanismus herunter. Das hilft. In der Selbstwahrnehmung wenigstens. Und ein angetrunkener Blödmann ist ja oft auch eher zu ertragen, als ein innerlich überdrehter Freak, der sich in seinem Selbstkontroll-Amok irgendwie komisch verhält.

Wenn der Alk mal nicht hilft, oder keiner da ist, gibt es noch einen anderen Modus zum Selbstschutz und der ist eigentlich immer suboptimal: Vermeintliche Arroganz. Sie sorgt nämlich für Missverständnisse auf breiter Front und führt in eine sich gegenseitig berstärkende Sackgasse. Warum sollte man zu jemandem freundlich sein, der in der Ecke sitzt und eine Lätsche zieht? Man bringt doch nur sein seelisches Gekröse in Gefahr. Und derjenige denkt über dich unter Umständen genau das gleiche. Freundlichkeit und mögliche Freundschaft bleiben gut konserviert hinter einer kalten Mauer versteckt. Sicher ist sicher.

Wenn wir uns alle doch nur besser kennen würden! Aber keine Angst, hier kommt die Lösung. Kraft meiner Autorität gilt fortan folgender Modus Operandi weltweit, wenn du alleine auf eine Gesellschaft gehst:
Zunächst kommst du durch die Türe und rufst laut: "Hier bin ich!" Alle anderen brüllen sogleich wie ein Mann: "Arschloch!" und deuten auf dich. Und dann hüpft man geschlossen für eine Minute auf der Stelle, ohne dass gesprochen wird. Wenn das nicht hilft das Eis zu brechen, dann halt wieder Bier.

Soziale Phobien