Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt (Peter Handke)

Ich bin Maler, ich schreibe und ich bin Astrologe, das Gemeinsame daran sind die Bilder. Ich arbeite mit Bildern durch Bilder an Bildern. Die Bilder sind das Schattenspiel auf unserer dem Licht der Reflexion abgewandten Seite und sie steigen herauf, sobald unser Bewusstsein schwächer zu werden beginnt. In Träumen und in Absenzen, mit Angstschweiß und Erektionen. Also physisch wirksam und von daher mit dem Drang sie zu erfassen, in Sprache, in Musik oder in gemalten Bildern. Man kann auch im Gegenzug Bilder kreieren und sie einfließen lassen. Viele Therapien versuchen problematische Bilder durch stabilisierende und nährende zu ersetzen. Der Künstler, der Schreiber, der Astrologe auch. Man kann dies trainieren, zur Meisterschaft bringen, professionalisieren, aber es darf den spielerischen Charakter nicht verlieren, denn das Potential des Spiels ist immer größer als meine Virtuosität. Ich kann nur gleichziehen, indem ich mich seiner Struktur anpasse und eben spiele. Nach Schiller ist der Mensch nur dort ganz, wo er spielt. Mit den Künsten, der Astrologie und natürlich mit dem Leben - als Lebenskunst.
Das Spiel ist aufgebaut, die Figuren stehen auf dem Brett. Das Brett ist rund und hat 12 Zeichen, Widder, Stier, Zwillinge, .. beinah jeder kennt sein Sternzeichen, es sind 12 und auch das Brett hat 12 Felder, Bühnenbilder, die die 12 Figuren in Rollen versetzen. Wenn die Venus mit dem Mars - das verstehen auch Nichtastrologen - hier geht es um Partnerschaft und Ichdurchsetzung. Aber wenn die Venus eher reserviert im Zeichen Jungfrau und ein theatralisch, pompöser Mars im Löwen zusammen auf der Bühne des Zuhause agieren, dann könnte es dort eng werden und für den Horoskopeigner interessant. 12 Figuren sind es bislang und weitere tauchen in den Teleskopen auf. Das Weltall dehnt sich aus, wir dehnen uns mit. Uranus, das Zeichen der Veränderung wurde im Vorfeld der französischen Revolution entdeckt, Neptun und seine ozeanischen Welten des Unbewussten tratmit der Psychologie als empirischer Wissenschaft auf und Pluto rückte uns das Thema von Macht und Machtmissbrauch als Plutonium, Hiroshima, Tschernobyl ins Blickfeld. Die Kleinplaneten Chiron, der verletzte Heiler, und die Lilith, der schwarze Mond, kamen hinzu. Das allein macht schon 12 x 12 x 12 Kombinationen, ohne die an einem sich stetig veränderndem Himmel zu betrachtenden Aspekte. Dazu das Rückbezügliche, der Griff in die philosophische und mythologische Nomenklatur: Chiron wurde den Mythen der Griechen entnommen, Lilith der alttestamentarischen Bilderwelt. Wir müssen schon weit ausholen, um uns zu erfassen. Die Figuren stehen für psychische Anteile in uns, sie wollen gelebt werden, denn was ich innen negiere, ziehe ich nach C.G.Jung im Außen an.
Das Zeitgleiche der Entdeckung von Planeten und dem Auftauchen ihrer inhaltlichen Entsprechungen in der Geschichte nennt Jung Synchronizität: das Sinn machende, aber nach unserem heutigen Wissensstand ursächlich nicht zu begründende Zusammenfallen zweier sich widerspiegelnder Ereignisse. Man kann das auch Zufall nennen. Wenn nun ein Sozialwissenschaftler das Aufkommen eines neuen, narzisstischen Persönlichkeittyps feststellt, nennt man das Wissenschaft. Wenn ein Roman diesen Typus schon lange vorher beschrieben hat, nennt man es Kunst. Man kann Goethes „Werther“, der sich in seiner gelben Jacke erschießt, nachdem er vorher die Tür zur Straße geöffnet hat, durchaus als die Vorwegnahme des narzisstischen Rock´n roll Typus sehen. Der Club 27: Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin und Jim Morrison, die alle wie Curt Cobain im Alter von 27 Jahren abtraten. 28 Jahre dauert ein Saturnumlauf durch das Horoskop. Schon sein alter Name Chronos Saturn deutet auf eine Zeitqualität. 4 x 7 = 28, mit 7 die Einschulung, mit 14 Konfirmation, mit 21 Volljährigkeit, der 7er Rhythmus hatte auch einmal für Nichtastrologen Bedeutung.
Die Astrologie ist ein Zwitterwesen zwischen Kunst und Wissenschaft, ein interaktives Panorama und ihr Gegenstand, das Individuum, ist wie die russische Puppe in der Puppe: Jede nächste birgt eine weitere. Ich ist ein anderer, ein Tanz von Teilpersönlichkeiten, die bei der Geburt im Horoskop einrasten wie auf einer Landkarte. Darauf machen wir Züge, wir leben unser Potential und bewegen die Figuren wie beim Schach. Die Sonne, meine Individualität, der Mond, meine Persönlichkeit usw. Was erlaube ich, was unterdrücke ich und erlebe ich mich auch so? Doch noch einmal zurück zur Landkarte, nehmen wir die des Yellowstone Nationalparks. Um dem Horoskop gleich zukommen, müsste sie interaktiv sein und mir zeigen, welcher Fluss gerade Flachwasser hat, ob darin die Lachse aufwärts wandern, wo dort die Grizzlybären fischen und ob sie Junge haben?
So ähnlich funktioniert Astrologie und ich habe nach Beratungen Menschen immer wieder hoch motiviert erlebt. Sie waren sich selber näher gekommen und gleichzeitig von sich abgerückt. Das Bewusste ist immer ein Cocktail von Subjektivem und Objektivem, ein Spiegel im Spiegel, in der Wissenschaft, in der Kunst und auch in der Astrologie: Welt ist Meinung und ob das Glas halbleer oder halbvoll ist, eine Ansichtssache oder eben die Position von Merkur im Horoskop.

Sonne, Mond und Sterne

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