Die Polizei, dein Freund und Helfer? Nicht in den USA!

Lange nichts mehr gehört über rassistische Polizeigewalt in den USA. Zu viele andere Themen verlangen nach Aufmerksamkeit. Zuletzt schockierte der Tod der 28-jährigen Sandra Bland, die am 13. Juli nach drei Tagen in Untersuchungshaft tot in ihrer Zelle aufgefunden wurde, Menschen weltweit. Nach Polizeiangaben beging sie Selbstmord, die Staatsanwaltschaft ermittelt aber gegen mehrere Beamte wegen Mordes.

Ein texanischer Verkehrspolizist stoppte die gebildete junge Frau, weil sie auf einer mehrspurigen Straße die Fahrbahn gewechselt hatte, ohne den Blinker zu setzen. Kurz darauf wurde Sandra Bland unter äußerst fragwürdigen Umständen mit einer Waffe bedroht, aus ihrem Auto gezerrt, brutal gefesselt und verhaftet. Einen detaillierten Bericht und Ausschnitte des 52-minütigen Videos (von den texanischen Behörden veröffentlicht, aber offenbar an mehreren Stellen geschnitten und bearbeitet) findet sich hier http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-07/tod-bland-video

Ich behaupte nicht, dass Sandra Bland – die nach Texas kam, um dort eine neue Stelle an einer Universität anzutreten – durch Polizeigewalt starb. Aber die Umstände waren äußerst seltsam. Man verhaftete sie an einem Freitag und die Kaution wurde auf 5000 $ festgesetzt. Am Montag, wenige Stunden bevor ihre Schwester mit der Kaution eintreffen wollte, soll Sandra Bland sich mithilfe einer Plastiktüte in der Zelle erhängt haben. Die neue Stelle, für die Sandra nach Texas kam, war nach Aussagen ihrer Familie der Traumjob, auf den sie lange gehofft hatte. Dies und eine Reihe von anderen Ungereimtheiten lassen es höchst unwahrscheinlich erscheinen, dass die selbstbewusste junge Akademikerin Selbstmord begangen hat.

Nur einen Tag, nachdem Sandra Bland zu Tode kam, soll sich die 18-Jährige Kindra Chapman ebenfalls in einer Polizeizelle erhängt haben. Dies nur wenige Stunden, nachdem sie unter dem Vorwurf verhaftet wurde, ein Handy gestohlen zu haben. Auch Kindra Chapman hatte afroamerikanische Wurzeln. Mittlerweile tragen immer mehr dunkelhäutige Amerikaner Texte bei sich – ähnlich wie eine Patientenverfügung oder ein Testament – demzufolge sie sich in Untersuchungshaft keinesfalls das Leben nehmen werden.

1991 reiste ich vier Monate durch die Vereinigten Staaten, von Houston (Texas) im Süden nach New York und dann quer durchs Land bis an die Westküste in Kalifornien. Geboren 1958 in Hamburg nannte man Polizisten in meiner Jugend dort Schutzmänner. Vor einem Schutzmann brauchte man keine Angst zu haben, und der Slogan „Die Polizei, dein Freund und Helfer“ war nicht ironisch gemeint. Auf meiner Reise durch die USA gewann ich allerdings schnell den Eindruck, dass dort viele Bürger der Polizei mit Furcht und Misstrauen begegneten. Und dass es Gründe für diese Angst gibt.

In Phoenix, Arizona, saß ich beispielsweise mit jungen Amerikanern und Ausländern auf dem Rasen vor der örtlichen Jugendherberge. Es war ein sonniger Frühlingstag, wildfremde Menschen plauderten miteinander, irgendjemand zupfte Melodien auf einer Gitarre. Vor dem Haus parkte mein – zugegebenermaßen nicht besonders ansehnlicher – Kombi, den ich zwei Monate zuvor in Philadelphia gekauft hatte. Das Auto war verkehrssicher und ordnungsgemäß angemeldet. Dann stoppte ein Streifenwagen der örtlichen Polizei, zwei Beamte stiegen aus und inspizierten das Fahrzeug.

Sofort verstummten vorm Haus alle Gespräche, der Langhaarige mit der Gitarre verzog sich nach drinnen, und das bedrückende Klima von Unsicherheit und Angst war körperlich spürbar. Auch ich erhob mich vom Rasen, ging auf die Polizisten zu und fragte höflich, ob es ein Problem gäbe. In ruppigen Tonfall kam zurück, ob dies mein Auto sei. Das Nummernschild verriet seine Herkunft von der Ostküste, und als ich bejahte, musste ich sofort Führerschein und Fahrzeugpapiere vorzeigen. Wohlgemerkt – der Wagen parkte ordnungsgemäß vor der Jugendherberge.

Meine Papiere waren in Ordnung und nach einigen Minuten stiegen die Polizisten wieder in ihren Streifenwagen und fuhren weiter. Die Stimmung auf der Grünfläche vor dem Haus entspannte sich, Gespräche wurden wieder aufgenommen, alle schienen erleichtert. Ein junger Amerikaner sprach mich an und tat so, als hätte ich gerade meinen Kopf in den Rachen eines Löwen gehalten. Jedenfalls wurde schnell klar, wie ungewöhnlich mein Verhalten für örtliche Maßstäbe war. Dabei hatte ich nur höflich und selbstbewusst mit zwei Ordnungshütern geredet, keine Unterwürfigkeit gezeigt und mich nicht einschüchtern lassen. Genauso, wie ich es mit deutschen Polizisten mache, wenn ich nichts verbrochen und deshalb auch kein schlechtes Gewissen habe.

Ähnlich wie ich hat sich auch Sandra Bland verhalten. Sie entschuldigte sich für ihren Fehler und war bereit, ein Verwarnungsgeld für den Spurwechsel ohne Blinkereinsatz zu bezahlen. Aus dem Wagen gezerrt, brutal gefesselt und verhaftet wurde sie für die Weigerung, in ihrem eigenen Auto die Zigarette auszumachen. Und für den Versuch, mit dem Handy ihren Anwalt anzurufen. Die falsche Hautfarbe oder das Betonen der eigenen Bürgerrechte kann den USA jederzeit das Leben kosten. Amerikanische Cops sind eben keine Schutzmänner.

Der Gerechtigkeit halber muss Oury Jalloh erwähnt werden, ein junger Mann aus Sierra Leone. Er starb im Januar 2005 in Sachsen-Anhalt, gefesselt in einer Arrestzelle. Angeblich hat er mit einem Feuerzeug, an dem später keinerlei DNA von ihm zu finden war, seine Matratze angezündet. Auch Oury Jalloh hatte dunkle Haut.

Polizeigewalt und Rassismus

Anzeige: