Die Toten in unserer Mitte

Früher fand ich Dorffriedhöfe eher langweilig. Sie sind klein, ungruselig und viel zu sichtbar. Die Stadt in der ich wohne hat einen für meine Begriffe riesigen und schönen Friedhof, den ich gerne aufsuche, nur um zu flanieren, zu entspannen, und das bleibt auch weiterhin so. Aber letztens, auf dem Weg in die Arbeit, kam ich früh morgens wie üblich am überschaubaren Friedhof des kleinen Kaffs vorbei, in dem mein Betrieb steht. Das morgendliche Licht war cool und mir fiel zum ersten Mal auf, wie zentral er gelegen ist. Als hätte man das Dorf drumherum gebaut. Zumindest diesen Teil davon. Ich muss sagen ich fand den Anblick ziemlich erbaulich. Die Toten bleiben so quasi unter den Lebenden und werden nicht abseits hinter hohen Mauern verklappt. Wenn man dort wohnt, kommt man wohl jeden Tag irgendwie am Friedhof vorbei und man sieht die Gräber von überall aus. Seine verblichenen Angehörigen auf diese Weise stets um sich zu haben, bzw. haben die einen ja um sich, ist eine seltsam befriedigende, wie angenehme Vorstellung. Wohl auch deswegen, weil an einem solchen Ort jeder jeden kennt und jeder jeden gekannt hat. Mir fehlen ein wenig die Worte meinen Eindruck akkurat zu schildern, aber das Gefühl war wirklich zutiefst beruhigend und erdend, so dass ich sogar kurz verweilte, um mir das zu vergegenwärtigen. Ich finde inzwischen, dass der Friedhof das Zentrum einer jeden Stadt sein sollte. Der Central Park in New York ein Friedhof? Ich ziehe hin!

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