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Die Toten ruhen lassen

Den Kampf gegen den Kapitalismus haben sich Refused seit jeher auf die Fahnen geschrieben, nun steht ihr dem bahnbrechenden „The Shape Of Punk To Come“ (1998!) nachfolgendes Album auf Platz 1 der Bestseller in der Amazon-Kategorie „Hardcore“. Ironie? - Genau. Aber das ist ein Schicksal, das bekanntlich fast alle Bands trifft, die irgendwann mal 'was ganz Neues gemacht haben, dafür plötzlich von viel zu vielen abgefeiert und dann in den Rock 'n' Roll-Mainstream gespült wurden. Ein Phänomen, auf dem man nicht lange rumreiten muss. Nicht umsonst haben Refused kurz nach dem Erfolg von „The Shape“ beschlossen, sich aufzulösen. Nun also die Reunion, offiziell besiegelt mit dieser neuen Platte namens „Freedom“, von vielen mit Spannung, von manchen auch mit ein bisschen Angst erwartet.

Hach ja, 1998: Die „The Shape Of Punk To Come“ - those were the days und so. Das war mal wirklich neu, das war mal wirklich krass. So 'was hatten wir kleinen Vorstadtpunks noch nicht zu hören gekriegt. Aggressiv, direkt, elektrisierend, frickelig. Das machte nach einem harten Tag in der Schule den Kopf frei, dazu konnte man hardcore-wütend sein, da flogen den Eltern unten im Wohnzimmer die Ohren weg. Noch Jahre später freuten wir uns, wenn der Überhit „New Noise“ uns auf die Tanzfläche im Rockschuppen der nächstgrößeren Stadt zerrte, wo die legendärsten Verletzungen entstanden. So 'was wie diese Platte kann man nicht wiederholen. Schon gar nicht um 17 Jahre, zwei Auflösungen und viele musikalische Erfahrungen gealtert. Das war vorher klar, da waren sich alle einig. Aber Weiterentwicklung ist kein Verbrechen, und wenn die Musik trotzdem 'was hat, was soll's?
Und, hat sie das nun auf „Freedom“? Höchstens noch für Leute, die mit dem Adjektiv „rockig“ etwas Gutes meinen. Auch die dürften sich allerdings ziemlich schnell langweilen, denn alles, was hier um das Refused'sche, tatsächlich beinahe unveränderte Grundgerüst herum drapiert wurde, haben sie garantiert woanders schon mal so ähnlich gehört.
Kurz: wer Angst vor dieser Platte hatte, hatte recht. Das wird schon beim uninspirierten Opener „Elektra“, auch die erste Single, schmerzhaft deutlich. Ein „Hallo, da sind wir wieder, wisst ihr noch, die Leute, die damals New Noise gemacht haben, und wir haben uns überhaupt nicht verändert“, das schwer nach hinten losgeht. Soll das ein Witz sein?, habe ich mich bei diesem lieblosen Selbstzitat gefragt, aber die Pointe bleibt aus. „Nothing has changed“ wird da proklamiert. Nee, stimmt. Die Welt ist immer noch scheiße, der Kapitalismus alive & kicking. Aber ist das ein Grund für einen derart lauen Aufguss der alten Verweigerungstugenden?
Schon nach diesem ersten Track hatte ich nicht mehr viel Lust, mir den Rest der Platte anzuhören. Und viel besser wird’s dann auch nicht. Die Fragmente der alten Wut werden mit allerhand fragwürdigen Passagen und Elementen verwässert, die manchmal an die Nine Inch Nails der MTV-Ära, manchmal sogar an die Red Hot Chili Peppers und die Foo Fighters erinnern. So richtig hardcore ist das alles nicht. Muss es ja auch nicht, aber wo bleibt das innovative Moment? Plakative Slogans wie „God is dead“ (ach was) und „Murder murder - kill kill kill!“ finden sich dafür genug. So 'was kommt wohl dabei raus, wenn man sich gleichzeitig selbst treu bleiben und kreativ erwachsen werden will, aber irgendwie selbst keine Ahnung hat, wie das zusammengehen soll.
Nach dem letzten Track, dem an sich ganz okayen, aber viel zu Depeche Mode-/ NIN-bedienten „Useless Europeans“, möchte man sich der Aufforderung „Go back to sleep“ jedenfalls nur allzu gerne anschließen. Wozu eine Reunion, wenn dann DAS dabei rauskommt? Absichtliche Selbstdemontage, aus politischen Gründen vielleicht?, habe ich mich gefragt, und auch, ob ich mit meiner Meinung wohl wirklich alleine da stehe - denn die bisher im Netz zu findenden Kritiken feiern die „Wiedergeburt“ in den höchsten Tönen. Klar ist die Musik nicht wirklich „schlecht“, aber wo ist das Neue, wo ist die Eigenleistung? Hat sich denn niemand gelangweilt, hat denn niemand gemerkt, was für einen eklektischen Flickenteppich die einst so Radikalen hier zusammengeklöppelt haben?
Die jüngste Generation von Hardcore-Kids, die von einem überteuerten Festival zum nächsten pilgert, um Bands wie Rise Against (mit denen Refused ja jetzt auch auf Tour gehen) zu sehen, mag und darf das alles ja noch irgendwie gut finden. Dem weniger Mainstreamrock-orientierten Nachwuchs und auch allen anderen, die die oben erwähnten Bands nicht so gut finden, sei geraten: Hört Euch lieber die alten Refused (noch mal) an, geht zu den DIY-Shows in Eurer Stadt. Kauft diese Platte nicht. Sie wird den Kapitalismus nicht zerstören, und sie wird Euch anöden. Denn nichts ist so langweilig wie abgestandene Wut, noch dazu aufgekocht mit musikalischen Zitaten der schlimmsten Stadionrockbands, die es heute gibt.
„Refused Are Fucking Dead“ hieß ein Song auf der „The Shape“, und ja, für mich sind sie das, trotz scheinbarer Wiederauferstehung. Manchmal lässt man die Toten vielleicht besser einfach da, wo sie sind.

Refused: Freedom

http://www.visions.de/news/23090/VISIONS-Premiere-Refused-streamen-neues-Album-Freedom