Die Totgeweihten grüßen dich

Bridgend ist eine historisch gut erhaltene, aber dennoch moderne Stadt in Wales, 29 Kilometer westlich der Hauptstadt Cardiff gelegen. Dort leben rund 140 000 Menschen, Tendenz steigend, denn Bridgend liegt bei demographischer Entwicklung und Bevölkerungszuwachs im Ranking aller walisischen Städte an zweiter Stelle. Durchaus nachvollziehbar. 2009 hat man 2,5 Millionen Pfund investiert, um entlang des Ogmore Rivers Begegnungszonen, Kaffeehäuser und Kultur- und Freizeitstätten zu schaffen. In einem neu erbauten und 2011 eröffneten Stadtviertel stehen 1500 kostengünstige Wohnungen zur Verfügung. Die nahegelegenen Ford-Werke bieten 2000 sichere Arbeitsplätze.
Dynamisch, aufstrebend, lebenswert.

Dass sich zwischen 2007 und 2012 insgesamt neunundsiebzig Menschen, vor allem Jugendliche, das Leben genommen haben, wird mit Vorliebe zweckoptimistisch totgeschwiegen. Beinahe alle haben sich erhängt, keiner hat einen Abschiedsbrief hinterlassen. Der Dokumentarfilmer Jeppe Rønde hat sechs Jahre lang immer wieder junge Menschen aus Bridgend interviewt und anhand ihrer Lebensgeschichten das Drehbuch zu seinem befremdlich stillen und fesselnd surrealen Spielfilmdebut verfasst.

Sara ist the new girl in town. Gemeinsam mit ihrem Vater, der als Ermittler die Hintergründe der Selbstmordwelle aufklären soll, kommt sie in die walisische Stadt und schon bald ist sie näher dran am Geschehen, als es ihr Vater jemals sein wird. Die Jugendlichen sind eine eingeschworene Gemeinschaft, die sich durch die rebellisch manische Auflehnung gegen die Elterngeneration und durch das kultische Zelebrieren des Andenkens jener, die den Freitod gewählt haben, definiert. Sara kann der Anziehungskraft der selbst- und fremdzerstörerischen Gruppe nicht widerstehen. Doch dann verliebt sie sich in Jamie, für den das Leben, im Gegensatz zu seinen Freunden, noch mehr zu bieten hat als die Option, es zu einem bestimmten Zeitpunkt freiwillig aufzugeben. Aber wo das Licht der Liebe glimmt, wuchern die Schatten des Determinismus.

Schwankend zwischen einer lyrisch-kryptischen Bildsprache, die eine metaphysische Ebene einbringt, die wohl verstört, aber auch ablenkt, und einem realistischen, leider optisch beliebigen Präsentieren der perfiden Jugendsubkultur spannt Rønde seinen thematischen Spielraum mit überzeugend viel Einfühlungsvermögen auf. Sein Film ist Milieukritik ganz im Sinne des literaturgeschichtlichen Naturalismus. Detailgetreu hat er den schonungslosen Blick des Dramatikers Gerhard Hauptmann für sein cineastisches Schaffen zeitgemäß adaptiert. Und wie die Naturalisten ist er vor allem einem verpflichtet, nämlich der Wirklichkeit. Dem Drehbuch liegt eine geradezu empirisch soziologische Herangehensweise an die Selbstmordwelle, die ganz England erschüttert hat, zugrunde. Rønde hat die Jugendlichen nicht als Außenstehender befragt, er hat sich ihnen emotional angenähert und sie haben ihm Einblick in ihre ganz private Dunkelheit gewährt. Genau deshalb ist es umso bedauerlicher, dass die daraus erwachsenen fiktiven Charaktere der Spielfilmumsetzung so wenig von sich preisgeben und stereotype, desillusionierte Schablonen bleiben. Ihr Leben ist austauschbar wie ihr Sterben.
Natürlich ist das auch Programm. Wenn Jamie in einem vertraulichen Gespräch Sara offenbart, dass in Bridgend jeder für sich bleibt und dass man sein Innerstes nicht mit den anderen teilt, so erläutert er implizit auch dem Rezipienten die glatte Verschlossenheit der Figuren. Dass die Handlungstragenden allerdings so losgelöst vom Draußen existieren und die wenigen Momente, in denen die Außenwelt und der Alltag sich in die Lebenswelt der Generation völlig-am-Ende einbringen, belanglos und deplatziert wirken, nimmt der erzählten Welt die Schärfe. Schmälert den gewissenhaft recherchierten Ansatz und schränkt damit das ein, was gerade in diesem Film zum Greifen nah sein sollte: den Blick auf das wahre Leben.

Bridgend