"Die Zeit heilt alle Wunden" am A.

Heute an der U-Bahnstation sah ich ein Mädchen, vielleicht 14-15, zusammen mit seiner Mutter. Das Mädchen heulte Rotz und Wasser, wahrscheinlich hatte ein Typ ihr das Herz gebrochen oder es war was in der Schule oder so, und die Mutter sagte den m. E. schlimmsten Spruch, den man in so einer Situation sagen kann: „Die Zeit heilt alle Wunden!“ Das Geheul hörte natürlich nicht auf, sondern wurde noch schlimmer, verständlicherweise. „Nein, mein Kind“, hätte ich in meiner gnadenlosen Altersweisheit fast schon gerne gesagt. „Deine Mutter lügt. Die Zeit heilt längst nicht alle Wunden. Das ist nur so ein Spruch, den man immer wieder von Leuten hinterher geworfen kriegt, die es irgendwie gut mit einem meinen, aber mit ihrem Latein am Ende sind.“

Für mich ist „Die Zeit heilt alle Wunden“ eine der grausamsten Plattitüden überhaupt, und mir wäre es tatsächlich manchmal lieber, man würde stattdessen sagen: „Hör endlich auf, mich mit deinem Scheiß zu nerven“, was ja im Grunde oft der ungeschönte Subtext von „Die Zeit heilt alle Wunden“ ist.

Nicht nur, dass dieser Spruch nicht hilft, er ist auch alles andere als wahr, wie man eigentlich jeden Tag sehen kann, wenn man mal die Augen aufmacht. Warum liegen jeden Tag weltweit tausende von Leuten auf OP-Tischen, lassen sich nähen und mit Skalpellen an sich rumschneiden, warum lässt man sie nicht einfach auf der Straße oder in ihren Wohnungen liegen, bis die Zeit ihre Wunden heilt?

Sophisterei, ich weiß. Denn natürlich soll es bei diesem Spruch vor allem um seelische Verletzungen gehen. Aber auch in dieser Hinsicht stimmt er nicht. Wozu bräuchten wir sonst unzählige Psychiatrien und Psycholog*innen, die mit Medikamenten und stundenlanger Traumatherapie versuchen, die Wunden wenn schon nicht zu heilen, so doch wenigstens notdürftig zu verarzten, damit die Versehrten nicht zu einer Gefahr für sich oder die Gesellschaft werden?

Man kann jetzt natürlich einwenden: bei sooo krassen psychischen Verletzungen, von sexuellem Missbrauch oder Gewalt oder so, da kann die Zeit vielleicht nicht helfen. Aber bei so Everyday-Wunden, sagen wir, gebrochenen Herzen, da stimmt der Spruch doch zumindest, oder? Auch nicht unbedingt. Warum gibt es sonst so viele, die bis zum Ende ihrer „großen Liebe“ hinterher trauern, während sie andere daten, heiraten und schwängern, nur, weil es ja auch irgendwie komisch wäre, für immer alleine zu bleiben, auch wenn es womöglich die einzig ehrliche Konsequenz wäre?

Also, was hilft, wenn nicht Zeit? Mit Alkohol desinfizieren, mit Drogen sedieren? - Vielleicht für ein paar Stunden, aber danach sind die Wunden immer noch da und brennen noch zehn mal mehr als vorher. Was dann? - Mehr Zeit! Denn spätestens, wenn wir unter der Erde liegen und von Würmern gefressen werden, dann verschwinden auch die Wunden, zusammen mit allem anderen. Tröstlich, was? Und was leiten wir daraus ab? Einfach so lange apathisch vor sich hindämmern, bis es endlich soweit ist? Oder gleich zum Strick greifen?

Wohl eher nicht. Genaugenommen alles, nur das nicht. Man muss sich also irgendwie ablenken. Man kann es z.B. mit Sport versuchen oder mit Kunst oder damit, mit offenen Augen durch den Wald zu gehen und sich die Bäume und Eichhörnchen anzugucken, die scheinbar nichts von Wunden wissen. Die Wunden werden von solchen Aktivitäten nicht unbedingt heilen. Vielleicht bilden sich irgendwann Narben, vielleicht bleiben die Wunden aber auch offen und man muss lernen, mit den Schmerzen zu leben. Die meisten Leute tun das auf die eine oder andere Art, es gibt nämlich leider keine Alternative, die nicht noch mehr Wunden verursachen würde.

Die gute Nachricht: Es gibt auch ein paar Vorteile, die das Leben mit Wunden mit sich bringen kann. Wer Schmerzen hat, weiß zumindest, dass er noch am Leben ist, und es ist angenehm, wenn die Schmerzen allmählich etwas nachlassen. Bis dahin kann es sein, dass sie wach machen, die Wahrnehmung schärfen, zum Beispiel für andere Leute mit noch frischeren Wunden, denen man, wenn einem danach ist, ein bisschen echtes Verständnis entgegenbringen kann anstatt einer sinnlosen Floskel wie „Die Zeit heilt alle Wunden“.

Plattitüden

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