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Die nicht-moralische Christine Nöstlinger

Christine Nöstlinger ist ohne Frage eine der ganz Großen und in Interviews zeigt sich ihr äußerst herber Charme, wenn sie etwa ihre unaufgeregte Haltung gegenüber Kindern beschreibt: „Kinderlieb bin ich nicht speziell.“ Sie findet, dass man schließlich nicht mit 18 plötzlich zum Arschloch wird, also gibt es ganz einfach auch "ungute Kinder" und blöde Kinder. Es ist ihre unverklärte Sicht von Kindern, die dafür sorgt, dass sie sich bei ihren kleinen Lesern und Leserinnen nicht anbiedert. Sie bedient keine Klischees, schreibt kaum klassisch „pädagogisch wertvoll“ und verzichtet auf Themen, die „Verkaufsschlager!“ schreien.

Es ist überhaupt nicht leicht, zu sagen, wovon sie schreibt. In ihren Geschichten geht es oft nur auf den ersten Blick um ein gewisses Thema (im krassen Gegensatz zu dem Genre der typischen Problembücher), sondern vielmehr um das Leben von Kindern aus den verschiedensten Schichten der Gesellschaft und darüber, was sie denken, wie sie sich fühlen und wie es ihnen so geht. Probleme sind dabei so dargestellt, wie es eben die Kinder selbst sehen: Da kann die Scheidung der Eltern („Oh, du Hölle“) oder ein vernachlässigtes Kind aus einer schwierigen Familie („Lumpenloretta“) gerade einmal zur Nebenhandlung degradiert werden und die eigenen Aggressionen („Anna und die Wut“) oder eine etwas auffällige Frisur („Am Montag ist alles anders“) viel mehr im Mittelpunkt stehen. Eine erwachsenere Sicht der Dinge würde einen Konflikt der Protagonisten vielleicht bewerten und (oftmals auch unbewusst) als schlimmer oder weniger schlimm darstellen, je nachdem, wie wichtig und einschneidend die erwachsene Autorin einen solchen Konflikt findet. Die Nöstlinger sieht das offenbar anders und gesteht ihren Charakteren zu, ein Problem mit etwas zu haben, das ihre Eltern als nicht so wichtig erachten oder über etwas zu grübeln, was einem Erwachsenen als lächerlich erscheint.

Eines ist beinahe allen Kindern, die Hauptrollen in Nöstlingers Romanen spielen, gemein: Sie sind ungemein frei und auf ihre Art sehr selbstständig. Sie gehen meistens, wohin sie wollen, wenn sie hungrig sind, kaufen sie sich etwas oder kochen selbst und wirken manchmal ganz schön cool und abgebrüht, sie fluchen und granteln, wenn ihnen danach ist. Eigentlich sind sie meistens ein wenig erwachsener, als es Kinder im jeweiligen Alter normalerweise sind, aber gerade diese Freiheit war es, die mich als Kind gefesselt hat. Ich wollte auch wie Gretchen Sackmeier den Vormittag in einem grauslichen alten Kaffeehaus verbringen und Espresso trinken, schwarz natürlich. Ich wollte sogar gern wie Olfi Obermeier hin und wieder rauchen (sowas findest du in anderen Kinderbüchern dann doch eher selten) und meine Mutter anstänkern, wenn sie was von mir wollte. Und ich wäre gerne so mutig gewesen, mir einen irren Haarschnitt verpassen zu lassen.
Auch die Erwachsenen in ihren Geschichten sind alles andere als perfekt. Da lässt sich der Vater schon mal von seiner 15-jährigen Tochter im Auto die Zigarette anstecken oder flucht durch die Gegend, dass er sein Kind am liebsten zur Adoption freigäbe.

Moralische Geschichten oder pädagogische Ideen sucht man bei Christine Nöstlinger vergebens und trotzdem ist eines klar, das sich vielleicht doch wie eine ganz grundsätzliche Nachricht durchzieht: Ihre Figuren sind nicht gut. Und auch nicht böse. Vielmehr findet sich manchmal das Gute in Personen auch, wenn sie negative Eigenschaften haben. Eltern können gute Eltern sein, auch wenn sie manchmal Scheiße bauen. Und Kinder sind nicht von vornherein schlechte Kinder, nur weil sie ihren eigenen Kopf haben oder frech sind.
Für mich ist gerade das eine Besonderheit, die ihresgleichen sucht: Da revolutioniert eine Autorin die Kinderliteratur mit Büchern, die eben nicht in erster Linie pädagogisch-moralisch sind und einen Erziehungszweck verfolgen, sondern ihre kleinen Leser einfach unterhalten. Und dann bringen sie ihnen gerade eine der größten Wahrheiten der Menschheit bei, die in jeglicher Kinderliteratur (angefangen bei Märchen bis hin zu Teenager-Fantasy) ignoriert wird: Nichts ist schwarz oder weiß. Menschen machen Fehler und sind trotzdem keine bösen Menschen. Und Leute, die jeder hasst, sind vielleicht gar nicht "die Bösen", sondern vielmehr Menschen mit Problemen. Das macht sie keinesfalls zu besseren Menschen, denn es kann sein, dass sie sich aus eigener Verantwortung heraus wie Arschlöcher verhalten. Aber "that's life" würden die Protagonisten aus Christine Nöstlingers Romanen sagen, mit den Achseln zucken und sich ihrer Ecke der Welt widmen.

Moral in der Kinderliteratur