Die unterbrochene Partie

Die erste Sichtung eines Horoskop gleicht häufig einem Blick auf eine Schachpartie, die unterbrochen wurde: das Spiel geht ja noch weiter, aber das ist schon ziemlich verfahren und die weiße Dame hat sich mit den eigenen Figuren derart abgeschirmt, dass sie nun beinah unbeweglich ist und der schwarze Springer steht bereits in der Angriffsposition.
Bekanntlich erhält das Geschehen beim Schach, im Leben und im Horoskop seine Dynamik dadurch, dass es da weiße und schwarze Figuren gibt, die alle gewinnen wollen, was bekanntlich nicht geht. Manche Figuren müssen geopfert werden, damit man durch Ziel gehen kann und je nachdem wie die Ziele ausfallen, können Figuren für den Eigner ein Potential oder ein Problem darstellen. Hier ist weiße Dame ist bedroht. Ich setze sie einmal mit dem astrologischen Mond gleich, also mit dem in uns so oder so wirksamen Gefühlsmuster. Den Springer nehme ich als Merkur, also dem astrologischen Symbol für unsere Art zu Denken und das Denken in die Aktion zu bringen. In meinem Beispiel hat sich das Fühlen zwar nach allen Seiten hin abgesichert (seine Lieblingsdisziplin), wird aber durch die Eigenart des eigenen Denkens bedroht, dem sie mit ihrem Wunsch nach Sicherheit im Weg steht. Schlägt das Denken jetzt das Fühlen, dann ist diese Figur zwar von der Oberfläche, aber nicht unwirksam. Die andere Seite wird das Denken jetzt emotional noch weiter entkoppeln und wird in der Folge noch radikaler. Das vom Denken abgekoppelte Fühlen rutscht jetzt noch tiefer ins Unbewusste und wirft von dort aus lange Schatten als Feindbilder oder illuminiert seine Defizite als weiße Komplementärbilder an diversen Lichtgestalten. Wo die Synthese misslingt, da wächst die Polarisierung und wie das Spiel letztlich ausgeht und ob am Ende Schwarz oder Weiß punkten, das liegt ja immer an meinen unbewussten Motivationen: ich kann mich durchaus auch gegen mich entscheiden und manche Konstellationen im Horoskop sind geradezu berühmt dafür: sie geben uns einen Einblick in Dostojewskis Zettelkasten. Wer nach außen schaut träumt, wer nach innen schaut wacht, sagt C.G. Jung, aber in der Aussage liegt eine Wertung, die dem Astrologen nicht zusteht. Für eine extrovertierte Person mit vielen Löwe Anteilen kann das eine problematische Prämisse sein, mit der man sie dann in depressive Verstimmung schickt. Auch Astrologen haben ihre Vorlieben, aber die Professionalität kann nur darin liegen, nicht seine eigenen Steckenpferde zu reiten, sondern den Betreffenden in seiner eigenen Wertigkeit zu erfassen und nur diese zur Grundlage seiner Beratung zu machen. Die Bewertung der Aussagen der Analyse erfolgt allein durch den Klienten.

Die weiße Dame und der schwarze Springer, Einblick in Dostojewskis Zettelkasten