Die weiße Macht in Hollywood

Heute Abend werden die Academy Awards verliehen und der Lack ist etwas angekratzt. In ihrem 88. Jahr sind die Oscars in Verruf geraten, rassistisch und homophob zu sein. Gut, das waren sie eigentlich schon immer, wird der ein oder andere sagen, und im Endeffekt sind sie nur der Spiegel einer rassistischen und homophoben Gesellschaft. Im zweiten Jahr in Folge sind keine afroamerikanischen Schauspielerinnen und Schauspieler nominiert. Bei den Golden Globes waren zumindest noch Will Smith (für „Erschütternde Wahrheit“) und Idris Elba („Beasts of No Nation“) unter den Nominierten, auch wenn sie am Ende leer ausgingen. Auch hier wurde der von Publikum und Kritik gefeierte „Straight Outta Compton“ übergangen. Bei den Oscars gab es zumindest eine Nominierung für das beste Drehbuch – geschrieben von zwei Weißen. Besonders deutlich wird die Tendenz bei Ryan Cooglers „Rocky“-Update „Creed“, für den weder er, noch der hervorragende Hauptdarsteller Michael B. Jordan nominiert sind – die einzige Nominierung des Kritikererfolgs ging an den einzigen Weißen im Ensemble: Sylvester Stallone. Es mag vielleicht etwas seltsam anmuten, dass sich ausgerechnet Jada Pinkett Smith, die schon lange keine oscarwürdige Rolle mehr gespielt hat, und Spike Lee, dessen gesellschaftskritischer „Chi-raq“ ins Fernsehen abgewandert ist, für einen Boykott der Veranstaltung positionieren. Allerdings liegt hier in gewisser Weise auch die Wurzel des Problems: es gibt kaum ernsthafte Rollenangebote für Schwarze in Produktionen, die von Weißen dominiert sind, und die Folge sind Filme, die auf ein schwarzes Publikum zurechtgeschneidert sind und das Kinopublikum spalten – womit wir wieder beim gesellschaftlichen Spiegel wären. Natürlich ist die afroamerikanische Minderheit nicht die einzige, die in Hollywood konsequent diskriminiert wird. Als 2007 Ang Lees „Brokeback Mountain“ als heißester Oscarkandidat gehandelt wurde, weigerten sich einige Academy-Mitglieder den Film zu sehen. Am Ende erhielt er Academy Awards für Drehbuch, Regie und Musik, wurde allerdings bei der Auszeichnung als bester Film übergangen. Die gesammelte Crew auf der Bühne als Schlussbild der Verleihung war den Verantwortlichen dann vermutlich doch zu viel CSD. In diesem Jahr hat es Antony Hegarty erwischt. Als erster Transmensch seit dreißig Jahren ist er für seinen Song „Manta Ray“ zur Unterwasserdokumentation „Racing Extinction“ nominiert. Doch während Sam Smith, The Weeknd und Lady Gaga ihre Songs live auf der Bühne darbieten dürfen, ist dem Engländer dies nicht gestattet. Das Problem der Diskriminierung in Hollywood ist weiß Gott nicht neu – grad kürzlich las ich Robert Rodriguez höchst unterhaltsames Produktionstagebuch „Roadracers: The Making of a Degenerate Hot Rod Flick“ von 1994, wo er in einem Absatz das Problem beschreibt, Salma Hayek für eine Hollywood-Produktion zu besetzen: „Die Leute in Hollywood wollen halt einfach keine Latinos, die Latinos spielen. Sie besetzen lieber weiße Schauspieler mit braunem Gesicht. Sie sind halt einfach so.“ Zwanzig Jahre später hat sich immer noch nichts geändert. Deshalb war der Aufschrei richtig und wichtig und es mutet schon ein wenig absurd an, dass nun ausgerechnet die afroamerikanische Präsidentin der Academy verkünden musste, dass sich etwas ändern wird. Hierzu setzt die Academy of Motion Picture Arts and Sciences, die sich aus „Persönlichkeiten, die sich in besonderer Weise für die Filmkunst einsetzen“ bildet, in den eigenen Reihen an. Bis 2020 soll sich die Anzahl der Minderheiten und weiblichen Mitglieder im Bord verdoppeln. Es bleibt zu hoffen, dass dies zu einem Umdenken innerhalb der Branche führt. Gespannt sein darf man auf jeden Fall, wie der Host der diesjährigen Verleihung, Chris Rock, die Kontroverse aufgreifen wird. Der Comedian, der heute Abend nach 2004 zum zweiten Mal die schwierige Rolle des Frontmanns der recht steifen Veranstaltung übernimmt, wird wohl auf jeden Fall der einzige Afroamerikaner auf der Bühne der Gala sein.

Academy Awards 2016

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