Digitale Hexenverbrennung?

In seiner gestrigen, etwas selbstgerechten FAZ-Feuilleton-Abrechnung mit seiner Social-Media-Hassgemeinde bezeichnete Dieter Nuhr das Shitstorm-Phänomen als „Hexenverbrennung des 21. Jahrhunderts“. Ein Vergleich, der die komplexe Dynamik dieser medialen Erscheinung nicht ganz erfasst.
Der Vergleich passt auf der einen Seite - in Bezug auf die gnadenlose Mentalität der „Massen“, die sich seit dem Mittelalter trotz allen humanistischen und technischen Fortschritts offenbar nicht großartig verändert hat. So weit, so wahr.
Der Mensch 2.0 erfreut sich nur zu gerne daran, sich wie damals pöbelnd und Steine werfend in einen Mob einzuclustern, um ein tagesaktuell aus welchem Grund auch immer erkorenes „Opfer“ („schuldig“ oder „unschuldig“ sei mal dahingestellt) an den Pranger zu stellen. Irgendwie scheint man dieses Ventil wohl zu brauchen. Vielleicht ist es die allgemeine Unzufriedenheit des Einzelnen, die sich da im virtuellen Wutkollektiv entlädt. Das Leben ist unfair, die Kohle reicht vorne und hinten nicht, der Chef ist ein Arschloch. Ihn kann man natürlich schlecht anschreien, aber der Ärger muss raus, und wenn im Büro mal gerade niemand zum Mobben in Reichweite ist: Im Netz bietet sich täglich jemand Prominentes als Zielscheibe an.
In Zeiten digitaler Kommunikation ist die „Hexenjagd“ sogar noch viel leichter und komfortabler als früher. Man hat viel mehr Gleichgesinnte und muss sich und seinen Sack voller Steine nicht mal mehr zum Marktplatz schleppen, sondern kann seinen Teil zur kollektiven Abstrafung direkt vom Sofa aus beitragen. Auch muss man dem mit digitalem Kot Beworfenen dabei nicht in die traurigen Augen sehen, Gegenwehr ist ebenfalls nicht zu erwarten und trifft - wenn überhaupt - ja niemals den einzelnen Hater - was wohl auch viele zu verbalen Entgleisungen bewegt, die ihnen an der Supermarktkasse wohl eher nicht über die Lippen kommen würden.
Auf der anderen Seite hinkt Nuhrs Vergleich aber ziemlich, was wohl auch Nuhrs persönlicher („Opfer“-)Perspektive geschuldet ist: Nach einer Hexenverbrennung ist die Hexe tot. Ein Shitstorm dagegen tut vielleicht ein paar Tage weh, zieht dann aber weiter und hinterlässt selten dauerhafte Imageschäden. Im Gegenteil: Wo Gegner sich zu einem Mob formieren, ist auch der verteidigende Gegenmob nicht weit bzw. formiert und erweitert er sich als solcher erst im Shitstorm-Prozess.
Im Fall Nuhr wird da wohl auch so mancher Stammtischbruder seinen Kommentar ins soziale Netzwerk gehackt haben, um die Nuhrsche Weltsicht zu verteidigen - womöglich sogar ein Mensch, der sich ansonsten auf der Facebook-Seite des Kabarettisten nur selten aktiv beteiligt (oder Nuhrs Seite vor dem Skandal vielleicht noch nicht mal geliked hatte). Gut für Nuhr, denn aktive Followerbeteiligung ist immer von Vorteil: Ob Like, ob wohlmeinender oder despektierlicher Kommentar - Hauptsache Reaktion, Hauptsache Aufmerksamkeit. Jedenfalls, wenn man etwas zu verkaufen hat, zum Beispiel ein Image als streitbarer Kabarettist.
Und wenn Nuhrs Ego sich jetzt auch noch in seiner digitalen Kränkung suhlt: Er wird es überleben, und er wird durch diesen jüngsten Skandal wahrscheinlich auch keinen wirklichen Schaden nehmen, im Gegenteil. Gut polarisiert ist ja bekanntermaßen halb gewonnen. Und einer wie Nuhr weiß das auch.
Für seine Post-Shitstorm-Shows wird er wohl eher mehr als weniger Tickets verkaufen (wenn die allgemeine Nuhr-Fanbase sich vielleicht auch ein bisschen nach rechts verschoben hat und ein paar linkere Gemüter dabei runter gekippt sind). Auch Merkel wird man wohl trotz neuerlichen #merkelstreichelt-Vorfalls wieder wählen, und Konzerne wie Nestlé und McDonalds können über die Massenempörungsstürmchen im virtuellen Wasserglas sowieso nur müde kichern. Da hält man sich einfach mal 1-2 Tage die Augen und Ohren zu, haut vielleicht noch ein beschwichtigendes Statement raus (à la „Keine Sorge, in den meisten unserer Filialen wird der und der Burger auch weiterhin nur einen Euro kosten!“, derartiges reicht ja meistens schon) und wartet ab, bis die Wolken sich verziehen. Dann ist halt jemand anders dran und alles ist wieder beim Alten. Und mit etwas Glück hat man danach sogar noch ein paar Follower mehr.

Dieter Nuhr erklärt das Phänomen Shitstorm

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/dieter-nuhr-ueber-shitstorms-digitales-mittelalter-13706268.html