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Don't judge a book by its cover!

Mit Kinderbüchern ist es aus Marketingsicht wie mit Katzenfutter: Man bewegt nicht die Konsumenten selbst zum Kauf, sondern die Eltern respektive Herrchen und Frauchen. Die Bücher meiner früheren Kindheit wurden also meistens von meiner Mutter ausgewählt und gekauft, bis ich später selbst entweder mein Taschengeld in Buchhandlungen umsetzte, meine Bücher in der Schulbibliothek aussuchte oder mit meiner Oma kurz vor Weihnachten den DONAULAND-Katalog studierte. Ich zähle die Bücher, die mir meine Mutter stapelweise ins kiefernholzlastige 90er-Kinderzimmer brachte, aber nicht wirklich zu den klassischen Buchgeschenken, da ich aus heutiger Sicht sagen muss, dass ich sie mir selbst auch ausgesucht hätte bzw. mein Buchgeschmack natürlich von ihrer Selektion stark geprägt wurde. Ich spreche hier von den Büchern, die man am Geburtstag auspackt und erst mal mit fragendem Blick umdreht und beäugt.

Es gab so einige Buchgeschenke meiner Kindheit, die erst mal im Regal verschwanden. Einem geschenkten Gaul schaut man halt doch ins Maul und wenn die Zähne darin für einen irgendwie schief aussehen, dann steht er eben mal für eine Weile im Stall. Irgendwann dann, meistens nachts im Anflug einer Oh-mein-Gott-ich-hab-nix-mehr-zu-lesen-Krise, nahm ich das zuerst so kritisch betrachtete Buch doch in die Hand und begann, mich damit zu beschäftigen. Nicht selten geschah es dann, dass mich die Geschichte fesselte und ich mich fragte, ob ich das Buch wohl jemals in die Hände bekommen hätte, wenn es kein Geschenk gewesen wäre – da mich Cover, Autoren und Inhaltsangaben offenbar nicht angesprochen hätten.

„Robinson, Mittwoch und Julchen“ zum Beispiel: Was fängt man als 8-Jährige mit einem Buch an, das sich auf ein Standardwerk der Literatur bezieht, welches man nicht gelesen hat? Der fast 12-jährige Jo klaut in einem kleinen Geschäft das Buch „Robinson Crusoe“ und verbringt fortan jeden Tag auf einer kleinen Insel im See, die er mit dem Gummiboot erreicht. Hier erdenkt er sich seine eigene Robinson-Story und lebt ganz in einer Fantasie, in der er hilflos auf einer Insel gestrandet ist. Das Cover dieses Buchs ist braun. Braun. Kein Kind der Welt kauft sich ein Buch in dieser Nichtfarbe. Deshalb bekam ich es auch geschenkt. Und was soll ich sagen … Jos Fantasiewelt hat mich bereits nach wenigen Seiten so gepackt, dass ich mangels einer Insel jeden Tag in einer großen Schachtel im Lager meines Vaters hockte, mit einer Taschenlampe, etwas Proviant, einer kleinen Box voll Muscheln und 50-Schilling-Silbermünzen aus meinem Schmuckkästchen (das sollte meinen gefundenen Schatz darstellen), las und auf Freitag (oder Mittwoch) wartete.

Kurz: Es zeigte sich anhand dieser Erlebnisse schon früh, dass es nichts bedeuten muss, wenn mich Cover und Inhaltsangabe nicht ansprechen. Einige der Bücher, die ich mir nie selbst gekauft oder sie ausgeliehen hätte, sind mir heute noch in Erinnerung, als hätte ich sie erst gestern gelesen.
Ich frage mich dabei nur: Was entgeht mir heutzutage, wo ich einfach nur Bücher lese, die ich selbst ausgesucht habe? Ich bekomme keine Buchgeschenke mehr, hab selber einen mannshohen SUB (=Stapel ungelesener Bücher) zuhause und so geht es fast allen meiner Bekannten, die gerne lesen. Andererseits sprechen zwei Gründe dafür, dass man heutzutage viel eher an ein Buch kommt, das einen von der Aufmachung her nicht angesprochen hätte:
1) Als Erwachsene habe ich mehr Erfahrung und kann daher einen zweiten Blick auf ein Buch werfen, das vielleicht nur ein bisschen ungeschickt gestaltet ist.
2) Wir leben heute in einer Zeit, in der jemand wie ich in einem Blog über Bücher berichten kann, in der ich mir Rezensionen zu einem Buch ansehe und automatische Kaufempfehlungen erhalte. Ich stoße also viel eher auf Bücher, die mich im Geschäft nicht angesprochen hätten und kann mir viel eher ein Bild über den Inhalt machen, wenn ich verschiedene Meinungen dazu kenne.

Ein kleiner Rest des Gefühls bleibt mir aber in meinem Beruf erhalten: Als Lektorin bin ich regelmäßig "gezwungen", Texte zu lesen, die ich mir nicht freiwillig ausgesucht hätte. Deshalb habe ich in den letzten zwei Monaten etwas über die Geschichte des Hip-Hop in Italien, über das Problemthema der Vorratsdatenspeicherung aus polizeilicher Sicht, über Softwareentwicklung, Matratzen für Rückenprobleme, Network Marketing und Rettungsschwimmerausbildungen gelernt.
Jedenfalls lohnt sich ein zweiter Blick in ein Buch, das man nicht auf den ersten Blick sofort mag. Und wer weiß, vielleicht eröffnet sich einem ein ganz besonderes neues Eckchen der Welt?

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