E-Books brennen nicht

(enthält Produktplatzierungen)

In schöner Regelmäßigkeit wird uns altmodischen Menschen der Untergang des gedruckten Buches vorausgesagt. Und er verzögert sich dann zum Glück noch ein Jahr oder zwei. Ein geschätzter Kollege, der gern und häufig von den Segnungen schreibt, die der Apple-Konzern über die Menschheit bringt, berichtete kürzlich von einer Bahnfahrt ins Münsterland. Dabei war er von Tablet-PCs, Kindles und Smartphones geradezu umzingelt, und im ganzen Waggon las nur eine einzige Person ein veraltetes Buch. Analog, ganz ohne WLAN, Bluetooth und Stromversorgung. Krass.

Das Ende ist nah! Wahrscheinlich wird bald die Dortmunder Stadt- und Landesbibliothek ausgeräumt, vielleicht stellt man dort sogar Feldbetten auf. Oder die Flüchtlinge müssen gleich in den leeren Regalen schlafen – nein, keine schöne Idee. Jedenfalls sind Bücher veraltet und damit bald überflüssig. Derselbe Kollege schrieb übrigens neulich übers Schlangestehen bei Starbucks. Es gibt dort offenbar ein ausgeklügeltes System, mit dem der amerikanische Konzern seine Kunden demütigt. Jene Menschen also, die sich erst dem Entscheidungsstress – angesichts einer schier unendlichen Produktvielfalt und sektenhaft kryptischen Begriffen für die unterschiedlichen Größen und Zusätze – unterwerfen und dann auch noch groteske Preise für recht banale Heißgetränke zahlen.

Muss ich es noch erwähnen? Ja, ich war noch nie bei Starbucks und lese auch keine E-Books. Nein, ich besitze kein Smartphone. Selbstverständlich verbrenne ich auch keine Bücher, würde mich aber bis zum Dach eingeschneit auf einer alpinen Hütte bei Minusgraden, Stromausfall und ohne Brennholz mit einem gut gefüllten Bücherregal deutlich sicherer und wohler fühlen, als mit einem Kindle und darauf ein 16 Gigabyte großer Vorrat an gespeicherten E-Books.

So – Spaß beiseite. Nachstehend möchte ich Lesern beider Fraktionen einen Roman von Rolf Lappert empfehlen. Ans Herz legen. Nachdrücklich. Denn "Nach Hause schwimmen" (2008) ist ein Füllhorn angenehmer Überraschungen, es gleicht einer gigantischen Pralinenschachtel! Anders als im wirklichen Leben ist hier aber jede Praline gleich köstlich und übertrifft an Wohlgeschmack vieles, was auch eifrige Leser bisher kosten durften. Kapitel für Kapitel ist prallvoll mit wunderbarer Sprache und lässt uns teilhaben am Leben ebenso ungewöhnlicher wie liebenswerter Menschen.

Rolf Lappert erzählt eine zu Herzen gehende Geschichte, in der es um die Widerstände des Lebens, die Suche nach Zugehörigkeit und das Wirken des Todes geht. Atmosphärisch dicht und sprachlich gekonnt überrascht der Autor immer wieder durch ungewöhnliche Bilder und Metaphern, die auch Vielleser begeistern werden. Dieser Roman ist spannend und berührend, er überzeugt durch glaubhafte Charaktere, tiefe Lebensweisheit und eine poetische Sprache, ohne dabei auf lakonischen Humor oder unerwartete Wendungen zu verzichten. Manchmal erinnerte mich das Buch an die Werke von John Irving oder Frank McCourt, und manchmal wurde mir in solchen Momenten überraschend wieder bewusst, dass ich den Roman eines Schweizers las. Ein tolles Buch für all jene, die beim Lesen den Kopf nicht abschalten wollen und sich auch durch gelegentliche Zeitsprünge oder Ortswechsel nicht irritieren lassen. 600 Seiten zum Mitfiebern, 600 Seiten anspruchsvolle Literatur erster Güte.

Analog is nich für'n Arsch