E.L. James' Grey - Die Utopie der Ewigen Liebe

E. L. James hat nachgelegt – im August wird auch in Deutschland 'Grey - Fifty Shades of Grey von Christian selbst erzählt' erscheinen. Schon jetzt steht das Buch auf dem ersten Platz der Amazon-Bestsellerliste. Es lässt sich nur ahnen, was Denis Scheck im Sommer dazu sagen wird: “Dieses Machwerk ist in seiner Naivität und Plumpheit ähnlich intelligent wie ein Pornofilm. Man kann nur allen potentiellen Lesern wünschen, dass sie mehr Zeit mit ihren Partnern verbringen werden als mit diesem Buch.”
Natürlich wird Frau James auch für dieses Buch keinen Nobelpreis bekommen. Dafür sind ihre Charaktere zu hölzern und ihr Schreibstil lässt jegliche Eleganz vermissen. Gerade wo es an Stil fehlt, mangelt es dem Roman nicht an unfreiwilliger Komik. Christian, der Protagonist, ist eine Karikatur eines sexbesessenen Kontrollfreaks, der Sätze sagt wie: “Ich stelle mir vor, diesen Mund zu ficken, um mich von meinem Hungergefühl abzulenken. Ja, ihr Mund braucht Training und ich male mir aus, wie sie dabei vor mir kniet. Jetzt reizt mich der Gedanke.” Ist das noch ernst gemeint oder ist das schon Satire?
Generell scheint Christian gerne Selbstgespräche mit seinem Geschlecht zu führen, das das Denken für ihn übernimmt. Fehlt eigentlich nur noch, dass er Samstags mit den Jungens zum Fussball geht und am liebsten mal ein Bierchen nach dem Feierabend trinkt.
Auch am Plot des Buches hat sich nicht viel geändert, der ist immer noch haarsträubend unrealistisch. Neu ist nur die harte Mackersprache, in der die Geschichte erzählt wird. Man möchte fast Marcel Reich-Ranicki zustimmen, der da sagte: "Manchmal ist eine Schreibblockade für die Leser ein Segen, das wollen wir nicht vergessen."
Doch wer nur Spott für dieses Buch übrig hat, macht es sich zu einfach. Immerhin hat sich die Vorgänger-Trilogie mehr als 125 Millionen Mal weltweit verkauft und auch 'Grey' wird sich wohl in die Millionenhöhe verkaufen.
Wenn aber der Erfolg dieses Buches nicht an der literarischen Qualität liegen kann, woran dann? Ist es wirklich nur der Sex? Kaum vorstellbar, wo Erotik doch heute nur noch eine Klickweite im eigenen Browser entfernt liegt. Oder ist 'Fifty Shades of Grey' gar ein neues Karma Sutra, das an unser Unterbewußtsein appelliert? Ein Ratgeber für alle, die sexuell experimentierfreudig sind? So argumentiert zumindest die Soziologin Illouz, wenn es darum geht, den Erfolg dieser Reihe zu erklären. Das allein reicht allerdings nicht, um das Phänomen gänzlich zu erfassen.
Selbstredend wird auch das Marketing und Schmuddelimage 'Grey' dazu verhelfen, auf den Bestsellerlisten nach oben zu klettern. Aber es ist der Kern des Romans, der ihn letztendlich so erfolgreich machen wird. James erzählt uns eine klassische Liebesgeschichte: Typ, mit harter Schale, der nur auf Sex aus ist, verliebt sich in die graue Maus und bietet ihr ein Leben im Luxus. Es ist die Cinderella-Geschichte aus der Perspektive des Prinzen, erzählt für das 21. Jahrhundert.
In Zeiten von Tinder, wo die Versuchung nur eine Frage von links oder rechts wegwischen ist, ist Liebe heute vor allen Dingen eines: kompliziert. Der ständige Verlust der Partnerin oder Partners droht bei jedem Online gehen. Ein Gegenmittel bieten da E.L. James’ Romane, die von der Utopie der Ewigen Liebe erzählen. Ganz nebenbei gibt es auch das Versprechen von immer aufregendem Sex. Das solche Bücher auf der Bestsellerliste landen, offenbart nur die Sehnsucht der Leserschaft nach Vertrautem und märchenhafter Romantik, nichts mehr und nichts weniger. Es ist das Bedürfnis nach Nähe und Berechenbarkeit in einer Welt, die uns zunehmend fremd und kalt erscheint.

E.L. James: Grey

http://www.theguardian.com/books/2015/jun/18/grey-eight-bites-of-the-new-fifty-shades-book

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