Ehrlichkeit wird überbewertet

Und weshalb ist das so? Sprechen wir als Beispiel einmal von Kontrollfreaks am Arbeitsplatz. Genauer gesagt, von Chefs. Bei dem heutigen Leistungsdruck sind Mitarbeiter nämlich äusserst erfinderisch, wenn es darum geht, das vorgegebene System zu umgehen. Dies weiss die Obrigkeit und ergreift Gegenmassnahmen. Sie verdonnert also die Mitarbeiter zu einem internen Kurs der „Du spürst mich“ Abteilung. Das sind die psychologischen Kurse zur Unterdrückung des Gefolges. Diesmal wird die Ehrlichkeit als wertvolle menschliche Tugend propagiert, die dringend und immer gelebt werden muss. Von jedem! Dazu macht man kleine Seminare, in denen die Leutchen ihr Innerstes nach aussen kehren müssen. Das ist wichtig, weil da die Schwachpunkte jedes Einzelnen schmerzlich offengelegt werden. Das Ziel ist, dass die Mitarbeiter sich selber überwachen, weil die Chefs nicht überall sein können. Das funktioniert auch tatsächlich. Das Ergebnis ist, dass jeder Mitarbeiter dauernd die anderen hinterfragt. Und das öffentlich und bei allem. Nein sagen kann man nicht, denn es ist eine Anweisung von oben. Die Schlaueren unter ihnen verstehen natürlich sehr schnell, dass sie hier eine Waffe in die Hand geliefert bekommen haben. Und die Naiven? Die fallen darauf rein und schaufeln sich mit jeder Antwort fleissig ihr Grab. Somit fallen einige die Karriereleiter hinauf und die anderen hinunter. Die Fähigkeiten unterliegen natürlich nicht unbedingt dem Muster, dass die Guten nach oben kommen. Kann ich dagegen steuern? Nicht unbedingt, denn ich will ja meinen Job nicht verlieren. Aber ich will auch nicht dauernd kontrolliert und überwacht werden. Und mein Privatleben ist schon gar nicht die Währung zur Joberhaltung. Damit gibt es nur eines, das Spiel mitspielen. Sie wollen Ehrlichkeit? Die sollen sie bekommen! Erstmal musste ich den Oberfrager loswerden. Den Chef! Bei seiner ersten genervten Anfrage, weshalb ich denn in die Pause gehe, zog ich einen Tampon aus der Tasche, hielt ihm diesen unter seine Nase und meinte, ich hätte gerade keine andere Wahl. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Mit hochrotem Kopf verzog er sich in sein Büro. Aber er traute sich tatsächlich nochmal. Seine zweite Pausenanfrage drei Tage später, beantwortete ich mit einem Gespräch über Durchfall. Man konnte dabei den angeblich nicht verdauten Fisch schon fast riechen. Damit war ich ihn dann endgültig los. Blieben noch die lieben Kollegen, die ihre Neugier munter nach Anweisung pflegen konnten. Das war schon etwas schwieriger, da hier mit Periode und Gestank nicht wirklich gepunktet werden konnte. Aber Gelegenheit macht Lüge. Mein erstes Ehrlichkeitsopfer war die Chefsekretärin. Sie war immer so stark geschminkt, dass wenn ein Chamäleon über ihr Gesicht laufen würde, das arme Vieh ein Burnout vom Farbenwechsel bekommen hätte. Eines Tages hatte sie verschlafen. Dementsprechend frei von Farbe war ihr Gesicht. Sie wollte an dem Tag meine Männergeschichten eruieren. Natürlich alles im Sinne der Firmenharmonisierung. Ich gab ihr keine Antwort, schaute sie aber fröhlich an und meinte, sie sähe ohne Schminke toll aus. So sehe man endlich mal ein Gesicht und die Falten würden äusserst sympathisch wirken. Überraschender Weise war sie nicht begeistert, ihre Frageslust erledigt und sie verschwunden. Die Kollegen waren auch nicht so schwierig wie ich zuerst dachte. Den Einen sprach ich beim Kaffee auf seinen Kokskonsum an, weil er wie ein Turbo durch die Gänge propellerte und schon vor der Pause hyperventilierte. Eine Andere fragte ich beiläufig, wie es denn ihrem Verhältnis vom zweiten Stock so gehe. Notabene beide verheiratet. Nach und nach verschwanden so alle aus meinem Dunstkreis und ich hatte bald wieder meine Ruhe. Aber ich kann sagen, ich habe mich exakt an die Vorgaben gehalten. So zum Schluss bedauerte ich fast, dass ich alle vergrault hatte. Das Ehrlichkeitsspiel fing an, Spass zu machen. Also mir zumindest. Ich freue mich jetzt durchaus auch auf mein Qualifikationsgespräch Ende Jahr. Ob das mein Chef auch so sieht, entzieht sich zur Zeit meiner Kenntnis. Damit wünsche ich allen einen wunderschönen Montag. Ehrlich! Eure Alex

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