Ein Klischeetütchen

Etwas gelangweilt sass ich im Zugabteil und sah auf den Bahnsteig hinaus. Super, ich hatte mein Buch vergessen und eine zweistündige Fahrt vor mir. Das konnte ja noch heiter werden. Der Wagon füllte sich langsam. Fünf Minuten vor Abfahrt kam noch eine wunderschöne junge und knapp bekleidete Dame, die sich hüftschwingend ein Abteil vor mir hinsetzte. Sie wirkte leicht gehetzt und ihr Kunstzopf pendelte wie ein Jo-Jo zwischen Tür und Fenster. Erwartete sie jemanden? Und dann stand er im Türrahmen und grinste so breit, dass er eine Banane quer hätte kauen können. Ein Tütchendreher. Er war so mager, dass seine Beinchen nicht von den Ärmchen zu unterscheiden waren, die weiss am Türrahmen klebten. Im gerippten Unterhemd. Begeistert tappte er auf die Schönheit zu, wobei ihm immer seine Hosen im weg waren, die ihm unter dem Hintern hingen. Eine durchaus gefährliche Lage. Mit einem plumps liess er sich lässig neben die Schönheit fallen, wobei seine Hundekette vernehmlich klirrte. Die junge Dame war nicht begeistert und ignorierte, dass etwas Lebendiges neben ihr sass. Demonstrativ steckte sie ihre Nase in ein Buch und verliess den Planeten. Das hinderte Herrn Tütchen aber nicht daran, weiter verbale Texte in ihre Richtung abzufeuern. Dabei schien er ihr etwas ganz Wildes zu erzählen, denn seine Extremitäten flogen dabei nur so umher. Hätte er noch Haare gehabt, dann hätten die wohl mitgetanzt. So veränderte sich je nach Bewegung aber nur der Glanz auf seiner schweissigen Glatze. Nach zwei Stationen stieg die Dame dann aus und verschwand eiligst in der Menge. Damit hatte das weiss gehäutete Knochenfragment ein Problem. Er hatte das Ziel seiner Begierde verloren. Hektisch sah er sich um und erspähte mich. Nicht dass ich mir sorgen machte. Ich war in meinen geliebten Schlabberlook Marke Zirkuszelt gewandet, meine Frisur bestand aus einem Grosi-Knopf und fürs Schminken war ich zu faul gewesen. Also alles im grünen Bereich. Ich liess meinen Blick schon wieder über die Landschaft gleiten, als es neben mir laut wurde. Es war unglaublich, aber die fliegenden Knochen hatten sich mich ausgesucht. Zugegeben, ich war noch das einzig verbleibende weibliche Wesen im Wagon. Anders ausgedrückt, ich war ein Weibchen. Das schien ihm zu genügen. Leicht amüsiert betrachtete ich das Gerüst mit Adern und stellte fest, dass er wirklich jedes Klischee erfüllte, das man von billigen Krimis her kannte. Hässlich und leicht stinkend, da nicht nur die Glatze schwitze und ja, Tütchen im Sack. Seine Charmeoffensive entsprach erwartungsgemäss seinem Äusseren. Er hatte seine Anmache stufenweise aufgebaut. Zuerst ging es um ein Essen, dann ums Tanzen und dann wurde es leicht schlüpfrig. Mehr passte wohl auch nicht in seine letzte verbliebene Hirnzelle. Jedenfalls hatte er noch nicht gemerkt, dass ich nicht antwortete, sondern ihn nur ansah. Deshalb war anzunehmen, dass auch dieser Umstand seinem Konzept entsprach. Scheinbar fand er mich toll oder so ähnlich. Als ich dann noch hörte, dass er auch bis zu meinem Bahnhof musste, war ich begeistert. Ich lächelte ihn an und er grinste wieder bananenmässig sein schönstes Lächeln. Ich machte es mir bequem und fing an zu erzählen. Von meinen beiden kleinen Kindern, die verschieden Väter hatten. Wobei ich bei einem nicht mehr genau wusste, wer der Papa war. Jedenfalls war es schwer für die Kleinen, so ohne Mann im Haus aufzuwachsen. Ich erzählte meinem neuen Fan, wie problematisch die Erziehung für mich sei. Auch das Zahnen machte gerade solche Probleme, dass ich kaum schlafen konnte, weil das Kind dauernd schrie. Ganz abgesehen von der zu kleinen Wohnung, in der die vollen Windeln zu schnell stanken und ich mit meinen beiden Kleinen in einem Raum schlafen musste. Da meine Wünsche für die Zukunft so vielfältig waren, fing ich an von diesen zu berichten. Natürlich liess ich dabei ausser Acht, dass Tütchen inzwischen ein langes Gesicht machte und auf dem Sitz etwas nach hinten gerutscht war. Er versuchte auch durchaus zwischendurch etwas zu sagen. Aber mein Enthusiasmus war gerade enorm. Ich wollte nun seinen Job wissen, denn ich brauchte dringendst einen Ernährer. So eine kleine Familie kostete dann doch eine schöne Stange Geld. An dieser Stelle sah der gute Mann nur noch wie ein Sackhäufchen aus, weil seine Knochen irgendwie in der Hose zu verschwinden schienen. Er zog sich sozusagen zusammen. Das beeindruckte mich jedoch nicht weiter, denn nun wollte ich seine Zukunftspläne wissen. Wie gross sollte seine Familie sein? Schliesslich wollte ich noch zwei Kinder, da ich diese so liebte. Knöchelchen klebte mittlerweile zwischen Banklehne und Boden. Auch seine vorher noch glitzernden Augen waren inzwischen nur noch trüb, dafür weit aufgerissen. Da entschied ich mich, ihm die ganze Wahrheit zu sagen. Ich hatte keinen Job und wollte das auch nicht. Zumindest bis die Kinder aus der Schule waren. Schliesslich ist es die Pflicht der Mutter jederzeit da zu sein und für die Süssen zu sorgen. Natürlich, schwärmte ich weiter, müsste mein Mann auch im Haushalt helfen und die Kinder betreuen. Schliesslich wollte ich auch mal frei haben. Dafür wäre ich gerne bereit, einmal am Tag etwas Warmes zu kochen. Den Morgenkaffee müsste er sich aber selber machen. Das wäre mir dann doch zu früh. Als unsere Station kam, sprang er erleichtert auf und verabschiedete sich so schnell, dass ich nicht mal tschüss sagen konnte. Ich hörte nur noch die Kette klimpern und weg war er. Ich packte mein Täschchen und dachte wehmütig daran, dass Morgen mein Urlaub zu Ende war und ich wieder auf der Arbeit antraben konnte. Gemütlich schlenderte ich nach Hause zu meinen nicht vorhandenen Kindern und der durchaus passablen Dachwohnung. Dabei freute ich mich auf das Abendessen, denn mein Freund wollte heute kochen. Ich war auch durchaus froh, dass die Bahnfahrt nicht so langweilig geworden war, wie ich gedacht hatte. Tütchen war wirklich sehr amüsant gewesen. Und man musste es sagen, mit diesen Hosen erstaunlich schnell unterwegs.

Anmache

lealexsax.ch

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