Eine Scheune an der Ostsee brennt

Etwa auf halber Strecke zwischen Hamburg und Rostock liegt in Mecklenburg-Vorpommern das kleine Dorf Jamel, ein Ortsteil der Gemeinde Gägelow. Ein paar Häuser, 35 Einwohner, direkt an der idyllischen Ostsee – es könnte so schön sein, wenn Jamel nicht eine Art Modellprojekt für die rechtsextreme Szene wäre, eine „national befreite Zone“. Hier brannte jetzt eine Scheune ab, die lautstarken Gegnern der lokalen Nazi-Szene gehörte.

Berichte über Jamel als rechte Wirkungsstätte gibt es seit kurz nach der Wende. Eine zentrale Rolle spielt Sven Krüger, Abrissunternehmer und ex-NPD-Lokalpolitiker, der voraussichtlich noch bis Anfang 2016 wegen Hehlerei inhaftiert ist. Ihm wird eine führende Rolle in den so genannten freien Kameradschaften und der rechten Szene der Region zugeschrieben.

Seinem Einfluss ist es vermutlich zu verdanken, dass sich in Jamel vermehrt Rechtsextreme niederließen. Seit Jahren bereits fühlt sich die Szene dort wohl und sicher genug, um ihre Gesinnung offen zu zeigen. So wurde an einem großen Stein die Aufschrift „Dorfgemeinschaft Jamel – frei – sozial – national“ angebracht, ein Wegweiser zeigt die Entfernung zu Hitlers Geburtsort Braunau.

Die Erfolgsgeschichte strahlte auf die Region aus: 2010 wurde im nahegelegenen Grevesmühlen das „Thinghaus“ eröffnet, das als sicherer Rückzugsort für die NPD, Kameradschaften und rechte Konzerte mittlerweile überregional Bedeutung hat. Sven Krüger war vor seiner Inhaftierung an Bau und Eröffnung des Hauses beteiligt.

Nicht alle Einwohner Jamels sind aber auf einer Linie mit den Nazis. Birgit Lohmeyer. Schriftstellerin aus Hamburg, zog 2004 mit ihrem Mann in ein altes Försterhaus in Jamel. 2007 organisierten die Lohmeyers auf ihrem Gelände erstmals ein offen anti-rechtes Konzert unter dem Namen „Jamel rockt den Förster“. In diesem Jahr findet das Festival, jetzt „Forstrock“ genannt, zum neunten Mal statt, und mittlerweile trauen sich bekannte Bands wie Alphaville oder die Terrorgruppe als Headliner nach Jamel. Die Lohmeyers wurden für ihre Zivilcourage gelobt und erhielten mehrere Preise.

Gestern also brannte eine Scheune auf dem Gelände der Lohmeyers ab, nur zwei Wochen vor dem 2015er Forstrock. Die Brandursache ist nach Polizeiangaben noch offen, es wird auch in Richtung Brandstiftung ermittelt. Die Forstrock-Facebookseite zeigt, dass die Initiatoren nicht vorhaben, sich einschüchtern zu lassen. Gut so! Das Beispiel von zwei Menschen, die in einer stark Nazi-dominierten Umgebung ein solches Projekt aufziehen, sollte eine Inspiration sein, sich öffentlich wie privat gegen menschenverachtende Einstellungen zu wehren.

Jamel

https://www.facebook.com/jamelrocktdenfoerster