Eine kleine Replik

Vorab: es ist eindeutig zu viel der Ehre, wenn KarinElisabeth mir die Proklamation von Menschen- und Grundrechten zuschreibt. Tatsächlich habe ich (leider) nur auf längst Bestehendes hingewiesen.

Die Ansicht, der Rechtsstaat sei "hierzulande" (das soll wohl heißen: anders als anderswo) nur ein Sollzustand, ist da schon befremdlicher. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit heißt nämlich nicht, dass mir keiner ein Leid antun kann, sondern dass jemand, wenn er es tut, mit gesetzlich verankerten Sanktionen rechnen muss; ein feiner und manchmal schmerzhafter Unterschied.

Infam ist hingegen die Unterstellung, mein ausgedrücktes Mitgefühl sei zynisch; das geht eindeutig mehr als einen Schritt zu weit. Obwohl: vielleicht sollte ich sogar dankbar sein, dass KarinElisabeth mich nicht des Sexismus bezichtigt hat oder mir irgendein xy-phob-Wort an den Kopf geschmissen hat, wie es in manchen Kreisen gang und gäbe ist.

Die Frage, ob sexuelle Belästigung ausreichend strafbewehrt ist, überlasse ich höchst ungern Laien und Populisten jedweder Couleur, sondern lieber fachkundigen Juristen. Prof. Dr. Thomas Fischer, Rechtswissenschaftler und Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof schreibt z.B. hierzu: "Wir hörten, es seien in Köln Menschen festgehalten, abgetastet, durchsucht, geschlagen, begrapscht, beraubt, erpresst, bedroht worden. Keine einzige dieser Handlungen ist straflos. Es handelt sich um Raub, räuberische Erpressung, sexuelle Nötigung, Nötigung im besonders schweren Fall, Körperverletzung, Bedrohung, Beleidigung, Diebstahl. All das ist heute bereits strafbar und mit hohen Höchststrafen bedroht. Die forcierte Schließung der angeblichen "Strafbarkeitslücke" hat nicht das Geringste damit zu tun." (http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-01/sexmob-koeln-kriminalitaet-strafrecht-fischer-im-recht/komplettansicht).

Auch hinsichtlich der Gewalt gegen Frauen verlasse ich mich weniger auf Sekundärliteratur oder knappe Zusammenfassungen, die - wie man vom wissenschaftlichen Arbeiten weiß - immer mal wieder problematisch sein können. Interessant - auch im Hinblick auf das entsprechende Strafmaß - ist die Erheblichkeit der sexuellen Belästigung, die in der von KE angeführten Studie abgefragt worden ist (http://fra.europa.eu/sites/default/files/fra-2014-vaw-survey-at-a-glance-oct14_de.pdf). Das Spektrum reicht von zweideutigen/sexuell anzüglichen Kommentaren oder Witzen über unangemessenes Starren oder anzügliche Blicke bis hin zu unerwünschten Berührungen und dem unsittlichen Entblößen. Es versteht sich von selbst, dass das eine härter bestraft werden muss als das andere. Da die Erheblichkeit subjektiv empfunden wird, kann es durchaus sein, dass das Strafmaß gleichermaßen als zu niedrig oder zu hoch empfunden wird. Gerechterweise spricht die Studie nicht nur von Tätern, sondern von Täterinnen, so dass klar wird, dass Verursacher von körperlicher und sexueller Gewalt gegen Frauen nicht nur Männer sind.

Wenn 22 % der in Deutschland (Dänemark: 37 %, Litauen: 9 %) befragten Frauen in den letzten 12 Monaten vor der Befragung eine sexuelle Belästigung erlebt haben, sagt das noch nichts über die Häufigkeit aus. Allein hieraus nun auf ein "alltägliches" Problem zu schließen, ist auf der Grundlage der angesprochenen Studie wissenschaftlich vollkommen untragbar und einfach nur populistisch.

Zum Schluss erlaube ich mir noch einen Whataboutism, obwohl ich hiervon in aller Regel nichts halte: Und was ist mit der Gewalt gegen oder der sexuellen Belästigung von Männer(n)? Wenn mir am Strand eine Frau abfällig auf meine Wampe guckt und womöglich noch etwas in der Art von "schwanger" murmelt, ist das natürlich auch eine sexuelle Belästigung. Interessiert nur keinen!

#kölnhbf

http://www.legal-gender-studies.de/sexuelle-uebergriffe-im-oeffentlichen-raum-rechtslage-und-reformbedarf#_edn8