Eisenharte Eisenbieger

Boah ey, ich werde alt. Ich bemesse das daran, wie sehr Menschen mich zunehmend nerven. Und jede, wirklich jede Altersklasse oder Schicht hat etwas Zauberhaftes in der Hinsicht in petto. Das generationenübergreifende "Pokémon Go"-Fieber macht ein Entkommen gerade besonders schwer. Aber ich will hier nicht über das Spiel herziehen. Ob mit oder ohne "Pokémon Go", mein Gott, die licht behaarte Affenabart ätzt einfach bei jeder erdenklichen Gelgenheit.

Ich weiß gerade nicht, wer mir derzeit mehr den Galleteppich auf die brodelnde Magenschleimhaut rollt. Jugendliche Kreischhälse, deren vor Energie spastisch krampfenden, überagilen Leiber im völlig sinnfreien Zunami überbordender Lebensfreude meinen Weg im ungünstigsten Moment hektisch kreuzen oder vermeintlich erwachsene Exemplare der Kategorie Mann, mit Physiognomien und Staturen wie Eisenbieger, die breitschultrig ihre Territorien stets über Gebühr einfordern und niemals auch nur einen Zentimeter weichen, oder nur ansatzweise deine persönliche Distanzzone und damit dich respektieren.

Die jungen Leute können nichts dafür, ich weiß. Sie müssen adäquates Verhalten erst noch lernen und einsehen. Beispielsweise, dass man Redundantes nicht impulsiv im Sekundentakt hinausschreit, wenn die Adressaten sich eh in unmittelbarer Nähe aufhalten. Deswegen soll mein Fokus im Folgenden den älteren Nervensägen gelten. Den bereits erwähnten eisenharten Eisenbiegern.

Man ist nur stark, wenn man hart ist. Ich kann förmlich nachempfinden, wie die fragwürdigen Erziehungsberechtigten dieser selbstverschuldeten "Paviane" ihnen einst unablässig und als einzige Erziehungsmaßnahme einbläuten, dass sie stets und immer mittels aggressiver Körpersprache und Verhalten Respekt für sich einzufordern hätten. Weil Respekt geht in dieser Welt scheinbar nur mit Angst. Nicht etwa mit Bewunderung und Sympathie. Oder einhergehend mit guten Taten und vorbildlichem Verhalten. Respekt ist, wenn man sich vor dir fürchtet. Ein richtiger Mann ist ein Krieger und immer im Krieg.
Das Gefüge der Welt um ihn herum ist stets verspannt, wie ein schwarzes Loch massiver Dumpfheit verbiegt er Zeit und Raum zu seinen bescheiden Gunsten.
Man bewegt sich anders in seiner Gegenwart, schenkt ihm den Respekt schon aus bloßem Überlebensinstinkt heraus. Es ist nicht etwa der Respekt vor einem respektablen Menschen. Es ist der vor dem wilden Keiler im Wald, der aus einem Gebüsch brechend plötzlich schnaubend vor dir steht und in etwa den glichen IQ fährt. Soll man da das Gespräch suchen? Ich will gar nicht sagen, dass diese Menschen alle dumm sind. Aber eventuell sind sie nicht gut beraten in der Wahl ihrer Mittel?

Respekt sollte grundsätzlich sein. Und zwar gebunden an die elementare Erkenntnis, dass er nur im gegenseitiges Ping Pong frommt und von Geburt an uneingeschrenkt jedem zusteht. Ab da ist Respekt dann gerne noch steigerbar durch hervorragende Leistungen und wertvolle Dienste am Menschen, bla…

Aggressives Gehabe hingegen zeitigt einen unangenehm virulenten Effekt, ist somit wohl meist auch Ergebnis eines solchen. Um einigermaßen erhobenen Hauptes in so einem Umfeld zu bestehen bleibt einem ja fast nichts anderes übrig, als selbst so zu werden. Und das ist doch echt nicht sexy ey!

Was für Feiglinge diese Platzhirsche doch im Grunde sind. Im ständigen Verteidigungsmodus um vermeintliche Wahrung eines (dümmlichen) Gesichts und körperliche Unversehrtheit bemüht, rotieren sie weitestgehend verloren um Muckibude, Gesinnungsrudel und Ork-Familie durch ein modernes Leben voller unbemerkter Wunder und verschmähter Schönheit. Und wir, die Schwächlinge, Romantiker und friedliebenden Zeitgenossen sind die wahren Helden. Weil wir uns trotz der bitteren Angst vor diesen Unholden keinen Panzer aus Muskeln und genitalem Protzgehabe zulegen und entgegen der Gewissheit, dass wir im handfesten Gefecht gegen diese Alpha-"Paviane" wohl jämmerlich untergingen, das Haus verlassen und versuchen unseren Spaß im Leben zu haben.

Mut ist Angst zu überwinden. Dumm ist keine Angst mehr zu kennen. Weil man glaubt eine unbesiegbare Kampfmaschine zu sein zum Beispiel. Beziehungsweise steckt dahinter wohl eine verschleppte Angst, die sich hinter Boss-Gekasper verschanzt. Jedenfalls sind es auch Feiglinge. Ihr Aggro-Panzer gilt alles und jedem. Nicht nur dem Stärkeren.

Sie haben einen brachliegenden, vielversprechenden Teil ihrer Persönlichkeit längst selbst besiegt und aus ihrem Revier geschmissen. Aber das wissen sie nicht. Und das nährt den Pavian in ihnen.

Misanthropie, Macho, Testosteron

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